‚Provinz‘ in Serie. Diskurse der Regionalität in seriellen Erzählungen seit der Moderne (Veranstaltungsprojekt)

XXXVII. Romanistentag „Europa zwischen Regionalismus und Globalisierung“, Augsburg, 04.-07.10.21


Allgemeine Angaben

Projektbeginn
Sonntag, 31. Januar 2021
Projektende
Donnerstag, 07. Oktober 2021
Status
laufend
Weiterführender Link
romanistik.univie.ac.at
Thematik nach Sprachen
Sprachübergreifend
Disziplin(en)
Medien-/Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Moderne, Regionalität, Serialität

Aktiv beteiligte Person(en)

(z.B. Kooperation, Mitarbeiter, Fellows)

Daniel WinklerTeresa Hiergeist


Exposé

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krisenerfahrung von COVID19 scheinen bisher allgemeingültige Praxen und Paradigmen wie die der transarealen Mobilität im Kontext von Ansteckungsrisiken, aber auch Diskursen der Nachhaltigkeit neu zu perspektivieren sein. Dies ist der Ausgangspunkt für unsere Sektion die Serie, eine üblicherweise mit den Metropolen der Moderne assoziierte Form, mit dem Raum der ‚Provinz‘ zu konfrontieren, d.h. Narrativierungen von Regionalität und Entschleunigung ins Zentrum zu rücken.
Das ästhetische Prinzip der Serie stellt eine kulturelle Manifestation primär urbanen Charakters dar: Es bildet sich mit der technisch-industriellen Massenkultur in Form der beschleunigten Bewegung von Mensch und Maschine heraus. Damit verbunden ist die Optimierung von Produktionsabläufen, aber auch die zunehmende Reglementierung und Ökonomi¬sie¬rung des menschlichen Alltags. Durch seine Rekurrenz auf Wiederholungsstrukturen rekurriert das Serielle auch mit der Provinz, die landläufig vielfach als rural-monotoner und ‚langweilig’-immobiler Raum verstanden wird, der von einem differenten, d.h. von modernistischen Attraktionen und Transformationen scheinbar relativ abgekoppelten Alltag und Rhythmus geprägt ist.
Die in den Metropolen produzierten Zeitungen und die in ihnen publizierten Feuilletonromane sind Sinnbild einer radikal beschleunigten Verbreitung von Artefakten, denen nun eine sequenziert-episodi¬sch Form einge¬schrieben ist. Doch in diesen Organen wird die Provinz als das ‚entschleunigte‘ Andere der Moderne auch zu einem populären Imaginären. Viele serielle Formate zeigen, angesichts der Industrialisierung und des sozialen Elends, aber auch von Sommerfrische und Massentourismus eine besondere Affinität zum Regionalen als Gegenraum.
Als Beispiele hierfür können etwa Balzacs Illusions perdues (1837ff.) dienen, wo das Leben der Restauration anhand zweier rivalisierender Orte der Charente kontrastiv zu Paris verhandelt wird. Die Episoden der Zeitschrift Novela ideal (1925ff.) wählen die Provinz hingegen, um den wiedrigen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse eine Alternativwelt entgegenzu¬setzen. Zeitgenössischer betreiben die seit einigen Jahrzehnten populären Regionalkrimiserien, etwa Eva García Sáenz und Dolores Redondos baskische Erfolgsromane, eine Aufwertung des Regionalen. Maurice Pialats Miniserie La maison des bois (1970), die ein Porträt eines kleinen entlegenen Ortes der Oise zeichnet, entwickelt mit ihrem Fokus auf lokalen Alltagshandlungen eine unspektakulär-humanistische Poetik des Seriellen. Die populäre Netflix-Thrillerserie Le chalet (2018) wählt die Provinz hingegen als Vehikel für die Mise-en-scène verdrängter unbewusster Ängste.
Diese Sektion will unterschiedlichste Manifestationen von Regionalität und Serialität ergründen –ausgehend von den kultur- und technikgeschichtlichen Umbrüchen einer sich zeitlich und räumlich sehr unterschiedlich manifestierenden Glokalisierung. Zum einen will sie dabei ausloten, wie anhand regionaler Zugriffe soziales Zusammenleben mittels serieller Formen zwischen 1850 und 2020 in unterschiedlichen romanischen Regionen ausgehandelt wird. Wie wird in Literatur und Medien über (post-)moderne Lebensbedingungen in der Provinz reflektiert? Wie werden prototypische Themen der metropolitanen Moderne wie technischer Fortschritt und Beschleunigung, Massenkultur und Mode hier anders gefasst? Zum anderen profiliert die Sektion die inszenatorischen Spezifika, welche der Verbindung der beiden Konzepte entspringen. Im Fokus stehen dabei ebenso Repräsentationen regionaler Chronotopoi in seriellen Formaten und Genres wie die dezentrale Produktion, Vermarktung und Rezeption serieller Artefakte.

Mögliche Themenfelder der Sektion sind u.a. (Deadline für Vorschläge: 31.01.21)

Theorien serieller Provinz’: Konzeptuelle Auseinandersetzungen mit einer spezifischen Serialität des Regionalen. Wie reflektieren serielle Formen seit dem Feuilletonroman ‚prekäre’ rurale Lebensrealitäten vor dem Hintergrund von Industrie- und Agrarkrisen, aber auch der Privatisierung öffentlicher Strukturen? Wie sind Theorien der mit Blick auf metropolitane Entwicklungen hin perspektivierten Serialität und Moderne regional zu adaptieren?

‚Lob der Provinz‘: Literatur und Medien rund um regionale Themen und (Sprach-)Minderheiten, die mit einer zyklisch-seriellen Repräsentation einer Region verbunden sind, oft in Abgrenzung zur ‚trivialen’ Kulturindustrie der Metropolen: Wie werden hier alternative Alltage in differente Poetiken übersetzt, d.h. andere Räume, Rhythmen und (Im-) Mobilitäten aufgezeigt (von den Félibriges über die Arbeiterliteratur bis zum italienischen Regionalkino)?

‚Kommerzialisierung von Provinz‘: Literarisch-mediale Hypes rund um touristisch relevante Regionen wie Sizilien, Südtirol oder die Bretagne: ihre Inszenierung in Feuilleton- oder Kriminalromanen; Strategien der multimedialen Remediatisierung (Hörbücher, Verfilmungen…) und des (in-)direkten Nutzbarmachens von Literatur für das ‚Labeling‘ von Regionen (von Leonardo Sciascia bis zum Kommissar Dupin der ARD).

Kurzbibliografie

Rob Allen/Thijs van den Berg ed. 2014, Serialization in Popular Culture. New York, Routledge.
Aubry, Danielle 2006, Du roman-feuilleton à la série télévisuelle. Pour une rhétorique du genre et de la sérialité. Bern, Lang.
Julie Bartosch 2016, Affirmation oder Dekonstruktion von Provinz. Zwei Grundtypen des Provinzkrimis, in: Germanica 58.
Julien Bobineau/Jörg Türschmann ed. 2020, TV-Serien in der Romania. Wiesbaden: Springer VS.
Éric Bussière 2012, Régionalisme européen et mondialisation, in: Les Cahiers Irice 9 (1).
Frank Kelleter ed. 2012, Populäre Serialität. Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld, transcript.
Matthieu Letourneux 2017, Fictions à la chaîne. Littératures sérielles et culture médiatique. Paris, Seuil.
PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 23 (90), Der Nationalstaat zwischen globaler Ökonomie, regionaler Blockbildung und regionalistischem Separatismus.
Roland Robertson 1998, Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit, in: Ulrich
Beck ed., Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt, Suhrkamp. 192-220.
Sabine Schrader/Daniel Winkler ed. 2014, TV glokal. Europäische Fernsehserien und transnationale Qualitätsformate. Marburg, Schüren.
Frans Schrijver 2006, Regionalism After Regionalisation: Spain, France and the United Kingdom. Amsterdam, University Press.
Birgit Wagner ed. 2016, Bruch und Ende im seriellen Erzählen – vom Feuilletonroman zur Fernsehserie. Göttingen, V & R unipress.
Daniel Winkler/Ingo Pohn-Lauggas/Martina Stemberger ed. 2018, Serialität und Moderne. Feuilleton, Stummfilm, Avantgarde. Bielefeld, transcript.


Verbundene Projekte / Publikationen

Anmerkungen

keine

Ersteller des Eintrags
Daniel Winkler
Erstellungsdatum
Sonntag, 13. September 2020, 22:35 Uhr
Letzte Änderung
Montag, 21. September 2020, 09:31 Uhr