Die koloniale Karibik (Habilitation)

Transferprozesse in hispanophonen und frankophonen Literaturen


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Gesine Mueller

Verlag
De Gruyter
Stadt
Berlin, Boston
Hochschule
Universität Potsdam
Stadt der Hochschule
Potsdam
Publikationsdatum
2012
Abgabedatum
April 2011
Reihe
Mimesis. Romanische Literaturen der Welt 53
Weiterführender Link
http://www.uni-potsdam.de/romanistik/ette/projekte/transkaribik/mueller.html
ISBN
978-3-11-028116-3 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Spanisch, Französisch
Disziplin(en)
Medien-/Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Karibik im 19. Jh., Histoire croisée, Spanische Romantik, Französische Romantik

Exposé

Werden nicht in der Karibik des 19. Jahrhunderts Phänomene und Prozesse vorweg-genommen, die heute erst ins Bewusstsein gelangen? Der Blick auf die kaleidoskopartige Welt der Karibik über literarische und kulturelle Transferprozesse in jener Epoche erlaubt völlig neue Einsichten in die frühen Prozesse der kulturellen Globalisierung. Rassistische Diskurse, etablierte Modelle „weißer“ Abolitionisten, Erinnerungspolitiken und die bisher kaum wahrgenommene Rolle der haitianischen Revolution verbinden sich zu einem Amalgam, das unser gängiges Konzept einer genuin westlichen Moderne in Frage stellt.

Anliegen der (leicht überarbeiteten) Habilschrift ist es, kulturelle Wirkungsweisen verschiedenartiger kolonialer Herrschaftssysteme aufzuzeigen. Dabei geht es um den Vergleich von Transferprozessen auf der Zentrum-Peripherie-Achse, in denen sich beide Seiten in dynamischer Interaktion als Subjekte engagieren. Literarische Repräsentationsformen werden dabei im breiteren Kontext von Kultur- und Wissenszirkulation verortet. Der Vergleich zwischen frankophoner und hispanophoner Karibik zeigt die unterschiedliche Rezeption, Aneignung und Transkulturation mutterländischer Diskurse sowie deren Rückwirkungen auf die Fremdbilder in der Metropole.

Folgende Thesen leiten die Untersuchung:
1. Die starke Strahlungs- und Bindungskraft Frankreichs ist auf seine Kapazität zurückzuführen, das koloniale Andere zu integrieren, bzw. sich im Angesicht des Anderen selbst zu transformieren. Symptomatisch dafür ist die Neuordnung des Wissens und ihre Institutionalisierung zu Beginn des 19. Jh. (v.a. mit der Entstehung der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin).

2. Der Verlust eines kulturell bindenden Zentrums im Falle der spanischen Kolonien wirkt sich insofern produktiv auf die koloniale Literatur aus, als sie die Suche nach neuen Anknüpfungspunkten und Vernetzungen fördert und damit Anlass gibt zu einer (die karibische Literatur in zunehmendem Maße prägenden) Multirelationalität. Das „Zwischen-Welten-Schreiben“ bringt damit literarische Entwürfe hervor, die zwar als “foundational fictions” treffend beschrieben werden, deren Einordnung in die Kategorie der Nationalliteraturen jedoch problematisch ist.

Inhalt

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1. Schlaglichter
I.2. Drei Thesen
I.3. Voraussetzungen
I.3.1. Gegenstand der Untersuchung
I.3.2. Vergleich von Zirkulations- und Transferprozessen
I.3.3. Textkorpus
I.3.4. Zum Aufbau
I.3.5. Kontexte der Forschung

I.4. Die Karibik als Kaleidoskop kolonialer Dynamiken (1789–1886)
I.4.1. Die hispanophone Karibik
I.4.2. Die frankophone Karibik
I.4.3. Pro Sklaverei
I.4.4. Contra Sklaverei
I.4.5. Haiti: zur Dialektik der Imitation
I.5. Debatten um Abolition in Frankreich und Spanien
I.5.1. Debatten um Abolition in Frankreich (1789–1848)
I.5.2. Debatten um Abolition in Spanien (1810–1886)
I.6. Fragen des Zusammenlebens
I.6.1. Wer ist Mensch?

II. Literatur und koloniale Frage
II.1. Vorstellungen von citoyenneté/ciudadanía am Vorabend der Unabhängigkeit
II.1.1. Rousseaus Überlegungen zum citoyen und deren Folgen für die Französische Revolution
II.1.2. Zwischen «edlem Wilden» und citoyen: Rousseaus Fallbeispiel der Kariben
II.1.3. Citoyenneté und ihre Rezeption in der Karibik
II.1.3.1. José María Heredia: ein Leser Rousseaus
II.1.3.2. J. Levilloux: Les créoles ou la Vie aux Antilles (1835)
II.2. Zwischen Frankophilie und Autonomiebestrebungen: Postkoloniale Theoriebildung und das 19. Jahrhundert
II.2.1. Gómez de Avellaneda: Sab (1841)
II.2.2. Louis de Maynard de Queilhe: Outre-mer (1835)
II.2.3. Literarische Inszenierungen des spanischen und französischen Kolonialismus
II.3. Raumdynamiken und koloniale Positionierung
II.3.1. Émeric Bergeaud: Stella (1859)
II.3.2. Maynard de Queilhe: Outre-mer (1835). Oder: kreolische Lianen
II.3.3. Eugenio María de Hostos: La peregrinación de Bayoán (1863). Oder: ein Pilger in den Mangroven
II.3.4 Fazit

III. Literarische Momentaufnahmen des Dazwischen
III.1. Die kreolische Oberschicht
III.2. Begriffl iche Unzulänglichkeit von patrie/Nation/Exil
III.2.1. «Una cubana escritora no es siempre una escritora cubana»: die Condesa de Merlín
III.3. Haiti als Zwischen-Kultur
III.3.1. Der haitianische turn
III.3.2. Die Haiti-Rezeption in den karibischen Literaturen
III.4. Ideentransfers: Zentrum–Kolonie
III.4.1. Philanthropie im Zentrum: gescheiterte Ideentransfers
III.4.2. Erfolgreiche Ideentransfers
III.5. Dazwischen und die Figur des Mulatten
III.6. Inselfunktion oder zwischen Natur und Kultur
III.7. Zwischen transtropischen Dimensionen: Xavier Eyma und die Philippinen
III.8. Zwischen Literatur und Naturwissenschaft

IV. Ethnologische Zirkulationsprozesse
IV.1. Labeling People: «Rasse»-Diskurse in Frankreich und Spanien
IV.1.1. Die Phrenologie
IV.1.2. Geographie und Imperialismus
IV.1.3. Ethnologie, Anthropologie und Zivilisierung der «Rassen»
IV.1.4. Konstruktionen des Anderen: erste sozialwissenschaftliche Versuche
IV.1.5. Entstehung der Anthropologie in Spanien
IV.2. Die Revue des Colonies als Transfermedium innerhalb einer kolonialen frankophonen Diaspora
IV.2.1. Sklavereikritik und mission civilisatrice
IV.2.2. Weiß-Sein im Dazwischen: colon, homme du bien und moeurs créoles
IV.2.3. Weiß-Sein auf Haiti
IV.2.4. Transkoloniale Dimension
IV.2.5. Innerkaribische Dimension
IV.2.6. Ideentransfer
IV.2.6.1. Die Rezeption der haitianischen Revolution
IV.2.6.2. Ideentransfer Metropole–Kolonie
IV.2.7. Verschmelzung als Programm
IV.3. Haiti und die Revue encyclopédique
IV.3.1. Die Revue encyclopédique und koloniale Fragen
IV.3.2. Kolonialismus und panafrikanische Ideen
IV.4. Literarische Transferprozesse in der Revue des deux mondes
IV.4.1. Gustave d’Alaux: erste Versuche haitianischer Literaturgeschichtsschreibung
IV.4.1.1. Die littérature jaune: zwischen Frankophilie und Plagiat
IV.4.1.2. Haitianische Herrscher als Despoten
IV.4.1.3. Voraussetzungen intellektueller Arbeit auf Haiti
IV.4.1.4. Essentialistische Zuschreibungen als Inspirationsquelle
IV.4.2. Charles de Mazade: «La société et la littérature à Cuba»
IV.4.3. Die Condesa de Merlín: «Les esclaves dans les colonies espagnoles»
IV.4.4. Lerminier: «Les rapports de la France avec le monde»

V. Die imperiale Dimension der französischen Romantik: Asymmetrische Relationalitäten
V.1. Richtung Madrid oder Paris?
V.2. Dominante Rezeption der französischen Romantik
V.3. Rezeptionsvarianten
V.4. Das Modell Hugo
V.5. Das Modell Chateaubriand
V.6. Die Rezeption der französischen Romantik und ihre kulturhegemonialen Folgen

VI. Transkaribische Dimensionen: New Orleans als Zentrum frankophoner Zirkulationsprozesse
VI.1. Frankreich und Spanien als Kolonialmächte in Louisiana
VI.2. Karibisches Louisiana
VI.2.1. Victor Séjour: «Le mulâtre» (1837)
VI.2.2. Die Rückkehr nach Haiti. Joanni Questy: «Monsieur Paul» (1867)
VI.2.3. Joseph Colastin Rousseau: «nos frères d’outre-golf»
VI.3. Les Cenelles: Schreiben im Dazwischen
VI.3.1. Imitation der französischen Romantik
VI.3.2. Dazwischen: Zerrissenheit und Produktivität

VII. Exkurs: Paradigmenwechsel in der historischen Karibikforschung und ihre narrative Inszenierung
VII.1. Gómez de Avellaneda mit Maryse Condé lesen
VII.1.1. Mangroven und die Inszenierung einer identité relationnelle
VII.2. Raphaël Confiant
VII.2.1. Adèle et la pacotilleuse
VII.2.2. Von Insularität zu Archipelisierung
VII.2.3. Vom statischen Exilbegriff über den Black Atlantic zum Dazwischen
VII.2.4. Von Identitätskonzepten zu Fragen des Zusammenlebens
VII.2.5. Topoi der Karibikforschung oder von der Créolité zum Tout-monde

VIII. ZusammenLebensWissen oder von der Relevanz einer Karibikforschung zum 19. Jahrhundert
VIII.1. Wissensnormen von Zusammenleben: Utopien von Caribeanidad
VIII.2. Wissensformen von Zusammenleben. Ein ethnographisches Suchen oder die Frage der Distanz und des Abstands zum Anderen
VIII.3. Absage an essentialistische Identitätsmodelle

IX. Fazit

X. Literaturverzeichnis
X.1. Primärliteratur
X.2. Weitere Primärquellen
X.3. Ethnologische Zeitschriften
X.4. Sekundärliteratur
X.5. Internetquellen


Anmerkungen

keine

Ersteller des Eintrags
Gesine Mueller
Erstellungsdatum
Donnerstag, 07. Juni 2012, 15:30 Uhr
Letzte Änderung
Donnerstag, 07. Juni 2012, 15:30 Uhr