Gebeugter Geist (Monographie)

Rassismus und Erkenntnis in der modernen europäischen Philologie


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Markus Messling

Verlag
Wallstein
Stadt
Göttingen
Publikationsdatum
2016
Reihe
Philologien. Theorie - Praxis - Geschichte
Weiterführender Link
http://www.wallstein-verlag.de/9783835319318-markus-messling-gebeugter-geist.html
ISBN
978-3-8353-1931-8 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Italienisch, Französisch
Disziplin(en)
Medien-/Kulturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft

Exposé

Eine systematische Studie über die Reflexion von Geist und Sprache, Poetik und Textkultur, Abstammung und »Rasse« in der europäischen Philologie.

Die moderne Philologie war lange eine »Leitwissenschaft«, die gesellschaftlich relevante Aussagen über den Menschen traf. Früher als naturgeschichtliche Ansätze konnte sie den menschlichen »Geist« aus den Sprachen, Zeichensystemen und Textarchiven der Welt aufschlüsseln. Als Europa zur Weltmacht aufstieg, lag der erkenntnistheoretische Beitrag der Philologie zur Rassenanthropologie in der Vermengung von Sprach- und Schriftstrukturen, Formprinzipien und Gattungsfragen mit vermeintlichen kognitiven Potentialen von Sprechern und Schreibern. Zugleich haben Philologen so gewonnene Annahmen einer Kritik unterzogen, die sie aus der philologischen Hermeneutik und Methodik selbst entfalteten. Anhand philologischer Konzeptionen von Denkern wie Friedrich Schlegel, G. W. F. Hegel, Michele Amari, Jean-Pierre Abel-Rémusat oder Ernest Renan arbeitet die Studie die Reflexion dieser umkämpften Wissensbestände systematisch auf. Hieraus lassen sich Anhaltspunkte für eine zukunftsfähige Philologie gewinnen, die sich heute mit naturalistischen Diskursen über den Menschen ebenso auseinandersetzen muss wie mit dem Erbe des europäischen Universalismus und der politischen Überhöhung kultureller Differenz.

Inhalt

1. Einleitung

1.1 Bewusstseinssplitter
1.2 Rassismus
1.3 Philologie und Rassismus
1.4 Philologie
1.5 Erkenntnisinteresse

2. Zur epistemischen Stellung der Sprach-Zeichen:
vom Universalismus zum Kulturdeterminismus

2.1 Französische Aufklärung: Perfektibilität der Zeichenform
2.1.1 Klassisches Vorspiel – von Descartes zu Bouhours,
oder: Texte und Sprachprestige
2.1.2 Condillacs Génie des langues
2.1.3 Antoine Louis Claude Destutt de Tracys Fortschritts-Schrift

2.2 G.W.F. Hegel: Vorsehung der Zeichen und geschichtliche Entfaltung
2.2.1 Anti-Condillac
2.2.2 Afrika und die Weltgeschichte: Zeichengebung und Selbstbewusstsein
2.2.3 China und die Zeichen der Freiheit
2.2.4 Antikraniologie
2.2.5 Verhinderte Geschichte: Rassebegriff und Freiheitspotential
2.2.6 Amerikas Gegenwart: Anthropologie des sprachlosen Verschwindens

2.3 Friedrich Schlegel: Heilsgeschichte, Genealogie, Anthropologie
2.3.1 Schlegel und die Philologie-Philosophie
2.3.2 Indien: poetische Weisheit und Polygenese
2.3.3 Ursprung und „Entartung“: flektierender vs. gebeugter Geist
2.3.4 Schlegels Philologie und Lamarcks Biologie: Organizismus und Evolution
2.3.5 Zu Rezeption und Nachwirken der Schlegelschen Philologie
2.3.5.1 Eugène Burnouf: De la langue et de la littérature sanscrite
2.3.5.2 Zu Christian Lassens Indische® Alterthumskunde
2.3.5.3 Bernardino Biondelli und die „incunabuli comuni arii-aztechi“

3. Historisierung: Abstammung und kulturgeschichtliche Philologie

3.1 Jean-François Champollion le jeune: ägyptisches Texterbe und die
Herkunft der europäischen Moderne
3.1.1 Ethnografische Klassifikation
3.1.2 Geschichtsphilosophische Thesenbildung:
Ursprünge, Abstammungen, „Rassen“
3.1.3 Sprachstammbäume?
3.1.4 Ägypten und Europa – über Mengenklammern, oder: eine Philologie zivilisatorischer Herkunft

3.2 Jean-Pierre Abel-Rémusat: sinologische Widerworte
3.2.1 Rassialistische Völkerkunde und geistige Dynamik:
ein Humboldtscher Auftakt
3.2.2 „Rasse“ und Historizität bei Abel-Rémusat
3.2.3 Blutsverwandtschaft der Sprache
3.2.4 Grammatische Pragmatik gegen die Metaphysik der Sprache
3.2.5 Reden außerhalb der ‚Akademie‘
3.2.6 Discours sur la littérature orientale: Poetik und Hermeneutik
3.2.6.1 Kritik der Rezeption: von Tapiren, Menschen und Kulturen
3.2.6.2 Kritik der Imitation: „style oriental“ vs. „style des Orientaux“
3.2.6.3 Kritik der Unübersetzbarkeit: anthropologisierter
Sprachexotismus vs. relativistischer Universalismus
3.2.7 Politik der Philologie

3.3 Michele Amari: arabisch-islamisches Sizilien
3.3.1 Philologische Archäologie für ein modernes Italien
3.3.2 Vichianische Geschichtspoetik: Was die Quellen ‚sagen‘
3.3.3 Movens der Geschichte(n): „schiatte“, Weltpoetik und nomadische Poesie bei Ibn Khaldūn, Vico und Amari
3.3.4 Der Islam als Kulturmodell für Italien: Überwindung der Abstammung

4. Idealismus – Naturalismus?

4.1 Joseph Arthur Comte de Gobineau: Adelsranküne und Rassismus
4.1.1 Wilhelm von Humboldt-Rezeption bei Gobineau
4.1.2 Menschheitsbegriff bei Gobineau und Humboldt
4.1.3 Sprache und Rasse
4.1.4 Rasse, Ethnografie und Sprachanthropologie in Humboldts Kawi-Werk
4.1.5 Gefallenes „Weltansichtstheorem“: Anlage und Gebrauch der Sprachen
4.1.6 Sprachtheorie ist Gesellschaftstheorie

4.2 Joseph-Ernest Renan: Rassialismus und Republikanismus
4.2.1 Die Streitfrage: Wie Renans Philologie lesen?
4.2.2 Semitische Philologie: „races linguistiques“ und Politik der Nation
4.2.3 Kunst und Geist: Histoire littéraire de la France
4.2.4 Rassedenken und Poetik: La poésie des races celtiques
4.2.5 ‚Indoeuropäisierter‘ Islam und die Wissenschaft der „Indoeuropäer“

4.3 August Schleicher: die Sprache des Fortschritts
4.3.1 Erkenntnistheoretische Voraussetzungen der „Glottik“
4.3.2 Evolution und Hegelianismus
4.3.3 Sprache und Gehirn

5. Die Aufgabe zukünftiger Philologie(n)

5.1 Selbsterkenntnis und Distanz
5.2 Differenz und Universalität: Philologien der Welt
5.3 Materialpolitik
5.4 Anstatt eines Endes

Literaturverzeichnis

Dank


Anmerkungen

keine

Ersteller des Eintrags
Markus Messling
Erstellungsdatum
Mittwoch, 01. März 2017, 11:14 Uhr
Letzte Änderung
Freitag, 03. März 2017, 14:49 Uhr