Schmutz (Monographie)

Ästhetik und Epistemologie eines Motivs in Literaturen und Kulturtheorien der Karibik


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Isabel Exner

Verlag
Fink
Stadt
Paderborn
Stadt der Hochschule
Berlin/Saarbrücken
Publikationsdatum
2017
Abgabedatum
2013
Weiterführender Link
https://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-6111-7.html
ISBN
978-3-7705-6111-7 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Spanisch, Französisch
Disziplin(en)
Medien-/Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft

Exposé

‚Schmutz‘ ist ‚Materie am falschen Ort‘, eine Kategorie für das, was sich den Platzanweisungen kultureller Ordnungen widersetzt. Das Buch untersucht Ästhetiken des Schmutzigen als spannungsvolle Aushandlungen von kulturellen und politischen Machtkonstellationen.

Als unumgängliche Nebenwirkung jeglicher Wertsetzung ist ‚Schmutz‘ nicht ein Gegenstand am Rand von menschlichen Kulturen, sondern ein Kulturprodukt par excellence. Vokabular und Imaginarien rund um Abfall und Dreck, Reinheit und Unreinheit fügen sich immer wieder zu mächtigen symbolischen Sinnstiftungsmodellen, die ästhetische wie soziale Formen und Normen organisieren und reglementieren, oder attackieren. Die karibischen Literaturen bilden einen beispielhaften Schauplatz für diese figurative Korrelation: Im Kontext von Kolonialismus, rassistischer Biopolitik und Modernisierung wurde das Motiv des Schmutzigen, des Abfalls und der Unreinheit vor allem als Stigmatisierungstrope zur Rechtfertigung symbolischer Gewalt verwendet. Am Ende des 20. Jahrhunderts steht der transkulturelle Kulturraum der Karibik hingegen wie kaum ein anderer für jenen epistemischen Umordnungsprozess, mit dem sich ästhetische wie kulturtheoretische Entwürfe in überwiegend positiver Weise auf Metaphoriken der ‚Unreinheit‘ zu beziehen beginnen. Der prominente Ort von ‚Schmutz‘ in hispano- und frankophonen karibischen Romanen wird im Buch vom Naturalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu ‚schmutzigem Realismus‘, ‚Cyberpunk‘ und ‚Ökopoetiken‘ am Ende des 20. Jahrhunderts erkundet, und auf die von ihm angestoßenen Identifikationen hin befragt. Die literarischen Ästhetiken ermöglichen dabei in jedem Moment kritische Perspektiven auf die dominanten diskursiven Paradigmen ihrer Zeit. Jüngere Schmutz-Poetiken leiten so auch dazu an, die Präferenz von Unreinheitsmodellen als imaginative Basis von Kultur(-kritik) zu hinterfragen.

Die Studie wurde mit dem Werner-Krauss-Preis des deutschen Hispanistenverbandes ausgezeichnet.

Inhalt

Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
0.1 Impression/Konstellation: Literarische Poetiken des Schmutzigen
und Kulturpoetiken der Unreinheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
0.2 Forschungsstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
0.3 Zielsetzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
0.4 Räume und Zeiten/Übergänge. Zum Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
0.5 Metaphern/Übergänge. Zur Methode. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
0.6 Zum Ort des Schreibens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
0.7 Zum Aufbau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

1. Un-/Reinheit. Theoretische Perspektiven und diskursive
Konstellationen. Narrativ I: Reinheitsorientierung und Moderne. 47
1.1 ‚Homo Purus‘ und ‚Kompostmoderne‘ (Roger Fayet). . . . . . . . . . . . . . 51
1.1.1 Modernidad única?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
1.1.2 Universelle Ambivalenzvermeidung?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
1.2 Moderne Schmutzbekämpfung: ‚Homo Purus‘ als Signatur
eines Metanarrativs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70

2. Archäologie: Manuel Zeno Gandías La Charca und die rein-unrein-
Dichotomie in Imaginarien der Karibik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
2.1 Kolonie, Castas, Kriminologie. ‚Mixophobie‘ als Prinzip
symbolischer Ordnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
2.2 Umschreibungen des Sozialen: Schmutz in Manuel Zeno Gandías
La Charca. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.2.1 La Charca als tropischer Roman. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
2.2.2 Erster semantischer Raum: ‚la inmensa charca de
la podredumbre social‘. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2.2.3 Zweiter semantischer Raum:
‚deshierbo y limpieza de terrenos‘. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
2.2.4 Der Roman als Hygienehandbuch (Nouzeilles) . . . . . . . . . . . . 102
2.2.5 Schauplatz Körper. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.2.6 Sexuelle Urszene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.2.7 Modernisierung und Stillstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
2.3 Zwischenfazit: Die Literatur als Agentin symbolischer Verwerfungen
und die Karibik als ‚Labor‘ moderner Reinheitsvorstellungen. . . . . . . 122

3. Un-/Reinheit. Theoretische Perspektiven und diskursive
Konstellationen. Narrativ II: Verlernen der rein-unrein-
Dichotomie und (karibische) Kulturtheorien am Ende des
20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
3.1 Verabschiedung von Reinheitsvorstellungen in der
Sprachphilosophie und der linguistic turn. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
3.2 Unreinheit als implikatives Modell für Metaphern der Kultur . . . . . . 133
3.2.1 Metaphern der kulturellen Dissidenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
3.2.2 Begriffsarbeit – historisch und konzeptlogisch. . . . . . . . . . . . . 138
3.2.3 Unreinheit als ‚Hintergrundmetaphorik‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
3.2.4 Von der Dissidenz zum Potential. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
3.2.5 Die besondere Rolle (post-)kolonialer Kontexte. . . . . . . . . . . . 144
3.3 We are the world? Die Karibik als Aleph. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
3.4 Zwischenfazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159

4. Kritik. Unreinheit als neue Reinheit?
Sprache und (literarischer) Einspruch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

5. Abfall als Archiv. Literatur, Schmutz und kulturelles
(Gegen-)Gedächtnis bei Patrick Chamoiseau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
5.1 Schmutz als Metonymie sozialer Misere. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.2 ‚avec pour seule arme la persuasion de ma parole‘:
Erzählen als Waffe des Imaginären . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
5.3 Skatologische Aggression: schmutziger Einspruch von Abfall
und Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
5.4 Produktives Recycling und narrative Anleitung zum Überleben. . . . . 192
5.5 Abfälle als Spuren der Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
5.6 Zwischenfazit: Univoke (reine) Macht und komplexe
(unreine) Umschrift? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
5.7 Idylle der Nachhaltigkeit und Rezentrierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203

6. Vergegenwärtigung I. Abseits erzählen. Poetik der Revolte und
Selbst-Verwerfung bei Edgardo Rodríguez Juliá. . . . . . . . . . . . . . . . 213
6.1 Von der charca zum pantano. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
6.2 Literarischer matter out of place. Semiotik des Schnüffelns
und das Wort als Schmutzspur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
6.3 Verfehlte Identifikation mit der Verfehlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
6.4 Selbstverwerfung und Amnesie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
6.5 Postapokalyptische Zirkulationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
6.6 Zwischenfazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234

7. Vergegenwärtigung II. Schmutz-Poetik und die Unmittelbarkeit
des Realen bei Pedro Juan Gutiérrez. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
7.1 Realismo sucio: ein karibischer Exportschlager revisited. . . . . . . . . . . . 237
7.2 Buñuel nimmt die Maske ab. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
7.3 Das ‚öde wirkliche Leben‘ des Rey de la Habana. 247
7.4 Darstellungspolitik: Anachronismen und Präsentifizierung. . . . . . . . . 250
7.5 Anwesenheit statt Abwesenheit. Schmutz als Realismus-Trigger
in El Rey de la Habana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
7.6 Tauschhandel des Realen: Trauma, jouissance und
Affekt-Tourismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262

8. Futurologie des Drecks. Dystopie der Verschmutzung
bei Juan Abreu und das Um-Denken des Schmutzigen bei
Michel Serres (Ausblick). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
8.1 Garbageland: Abfall-Apokalypse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
8.2 Zukunftsbesessene Zukunft: Wasted Lives, Friedhöfe
des Designs, Tiefen der Latenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
8.3 Verschmutzung als Aneignung. Zeichen-Schmutz,
Kultur als Schmutz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
8.4 Gnostische Zurückweisung und Gastfreundschaft
der Reinlichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282

9. Kartographie des Schmutzigen in literarischen Ästhetiken
und Kulturkritik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285


Anmerkungen

Ersteller des Eintrags
Isabel Exner
Erstellungsdatum
Mittwoch, 17. Mai 2017, 15:28 Uhr
Letzte Änderung
Samstag, 20. Mai 2017, 16:24 Uhr