Priscians Darstellung der lateinischen Pronomina (Monographie)

Lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung des 12. und 13. Buches der Institutiones Grammaticae


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Axel Schönberger

Verlag
Valentia
Stadt
Frankfurt am Main
Publikationsdatum
2009
Auflage
1
Reihe
Bibliotheca Romanica et Latina; Band 10
ISBN
978-3-963132-34-2 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Latein, Sprachübergreifend
Disziplin(en)
Sprachwissenschaft
Schlagwörter
Latinistik, Grammatikographie

Exposé

Vorbemerkung

Vorliegender Band setzt die vor allem für Studenten der Romanischen Philologie ohne ausreichende Lesekenntnisse im Lateinischen und Griechischen angelegte deutsche Gesamtausgabe der achtzehn Bücher der spätantiken Īnstitūtiō dē arte grammaticā Priscians fort. Diese Grammatik stellt keine methodisch originäre Schöpfung im modernen Sinne, sondern eine gelungene Kompilation und Adaptation älterer Grammatiken, insbesondere der Werke des Apollonios Dyskolos (2. Jahrhundert nach Christus) und seines Sohnes Herodianos, dar, welche die Methodik vor allem des Apollonios auf das Lateinische anwendet (1) und sich dadurch von früheren kaiserzeitlichen Lateingrammatiken abhebt. Dieser Band enthält die beiden Bücher über das lateinische Pronomen. Syntaktische Besonderheiten der lateinischen Pronomina werden darüber hinaus ausführlich im nach heutiger Zählung siebzehnten Buch der Grammatik Priscians abgehandelt (2), wie es auch den beiden Büchern des Apollonios über das Pronomen und die griechische Syntax entspricht.
Beschreibungsgegenstand auch dieser Grammatik ist nicht die damalige spätantike lateinische Umgangssprache (3), sondern die kanonisierte Schriftsprache, wie sie vom dritten vorchristlichen Jahrhundert bis etwa zu Ausgang des ersten und Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch war und in der Folge bis zur Zeit Priscians in ununterbrochener, lebendiger Kontinuität ebenso als Schriftsprache wie auch als mündlich gebrauchte Hochsprache gelehrt und verwandt ward, als deren klassischer Autor par excellence der Dichter Vergil galt (4). Indem Priscian einen älteren Ansatz der griechischen Sprachwissenschaft der Methodik lateinischer Grammatiktraktate des vierten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts vorzieht, gelingt ihm zumeist eine schärfere und genauere Analyse vieler Phänomene als seinen spätantiken Vorgängern. Da die scharfsinnige Darstellung des Apollonios Dyskolos über die Pronomina erhalten ist und auch auf deutsch vorliegt, ist interessierten Studenten nunmehr ein direkter Vergleich zwischen der originalen Methode und Priscians Anpassung derselben auf das Lateinische möglich (5).
Einige Anmerkungen aus meiner kommentierten Ausgabe des 14. Buches seien hier kurz wiederholt: Gegen die Lehrmeinung der antiken Grammatiker notiere ich den Ausgang der ersten Person Singular der Verben auf langes -ō, wie es heute im deutschen Schulunterricht üblich ist, obgleich auch der kaiserzeitliche Sprachgebrauch zumeist kurzes -ŏ bezeugt.
Bei der Wiedergabe lateinischer Verse setze ich bei Hexametern und Pentametern die phonetische Silbe der Arsis – keinesfalls darf sie, falls sie nicht natürlicherweise einen Hochton trägt, nach Art eines deutschen ‘Versakzents’ betont werden – fett. Lateinische Verse wurden ursprünglich mit einem musikalischem, silbisch gebundenen Morenakzent gelesen, wobei zusammengehörige Syntagmen als phonetische Worte artikuliert wurden. Im phonetischen Wort offene, kurzvokalische Silben gelten als metrisch kurz, alle anderen Silben als metrisch lang. Im konkreten Kontext gibt es keine Silben, die entweder lang oder kurz sein könnten; eine mit einem Konsonanten geschlossene, kurzvokalische Silbe wird dann und nur dann geöffnet und somit kurz gemessen, wenn das phonetische Wort nicht mit ihr endet und das unmittelbar an sie anschließende Wort mit einem Vokal oder lautlich nicht realisierten /h/ beginnt, so daß der Endkonsonant dieser Silbe zum Vokal des sich an sie anschließenden Wortes gezogen wird.
Durch die Gegenüberstellung des lateinischen und deutschen Textes ist es bisweilen unvermeidlich, am Seitenende einen fortlaufenden Absatz zu trennen. Dies soll keinen inhaltlichen Einschnitt andeuten. Die ursprüngliche Absatzgliederung der zitierten Ausgabe kann im Faksimile (6) in der Anlage nachgesehen werden.
Für weitere allgemeine Ausführungen verweise ich auf mein Vorwort zur kommentierten Übersetzung des 14. Buches über die Präposition (7) und meine ebenfalls kommentierte zweisprachige Ausgabe des doppelten Lehrgangs des Donat (8).

Frankfurt am Main, im November 2009

Axel Schönberger

Anmerkungen:

(1) Daß vieles, wenn nicht das meiste bei Priscian auf Apollonios zurückgeht, ist unbestritten; den Einfluß des Herodianos auf sein Werk anzugeben, fällt dagegen schwer, wie seit dem 19. Jahrhundert immer wieder angemerkt ward (vgl. etwa das Vorwort von Augustus Lentz zur Ausgabe des Herodianos in den Grammatici Graeci, Bd. III I.1, S. CCXXV-CCXXVI).
(2) Anneli Luhtala widmet der Behandlung des Pronomens bei Priscian ein ausführliches Unterkapitel in einem Kapitel über Priscians Werk, das auch einige Abschnitte aus dem siebzehnten Buch einbezieht (Luhtala 2005: 104-128).
(3) Daß diese in vielerlei Hinsicht bereits «romanisch» wirkt, darf nicht dazu verleiten, die Entstehung der romanischen Sprachen bereits in die Spätantike zurückzudatieren. Es ist aufgrund der Datenlage sinnvoll, die eigentliche lateinische Sprachgeschichte noch bis ins siebte nachchristliche Jahrhundert reichen zu lassen und die bis dahin aufgetretenen phonetischen, phonologischen, intonatorischen, morphologischen und syntaktischen Veränderungen im Rahmen einer lateinischen Sprachwissenschaft zu behandeln, welche zwischen der archaisierenden Kunstsprache der elaborierten Schrifttexte und dem diatopisch zerklüfteten eigentlichen spätantiken Latein zu unterscheiden hat. Zur Zeit Priscians gab es beispielsweise im muttersprachlich erlernten spätantiken Latein in der Deklination der Nomina etwa nur noch ein Drei-Kasus-System, die 3. Person Plural Indikativ Perfekt Aktiv zu sum (‘ich bin’) lautete fueron (‘sie sind gewesen’; Schriftsprache: fuērunt), die Form sum (1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv) des klassischen Lateins selbst som sowie so; dies sind indes innerlateinische Entwicklungen, die somit lediglich zur Vorgeschichte der Herausbildung der romanischen Sprachen, nicht zu deren eigentlicher Sprachgeschichte, gehören, auch wenn fueron etwa bis ins heutige Spanisch oder som bis ins heutige mallorquinische Katalanisch fortlebt. Die aktive Kenntnis der eine ältere Sprachstufe konservierenden lateinischen Schrift- und Hochsprache war noch bis ins fünfte nachchristliche Jahrhundert hinein weit verbreitet, eine systematische Verschriftlichung oder Standardisierung des gesprochenen spätantiken Lateins fand nicht statt und war auch nicht erforderlich, da ja eine ausgebaute Hochsprache zur Verfügung stand und im Grammatikunterricht schnell erlernt werden konnte, so wie etwa viele heutige Italiener im schulischen Italienischunterricht erst das Italienische erlernen, das noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur von schätzungsweise weniger als zehn Prozent der damaligen Einwohner Italiens gesprochen ward. Der innerlateinische Sprachwandel während der Kaiserzeit hat natürlich vieles hervorgebracht, was aus heutiger Sicht ‘romanisch’ wirken mag; gleichwohl ist es angebracht, die allmähliche Herausbildung romanischer Sprachen erst ab etwa dem achten Jahrhundert anzusetzen und das vielfältig ausdifferenzierte Latein der Spätantike und des beginnenden Mittelalters durchaus noch der lateinischen Sprachgeschichte zuzurechnen. Vieles, was Romanische Philologen in den vergangenen beiden Jahrhunderten zum Übergang zwischen Latein und Romanisch geschrieben haben, wird man außerdem angesichts der Fortschritte in der Erforschung des Spätlateins anders bewerten müssen als bisher.
Auf die Kritik eines Rezensenten des vorhergehenden Bandes (in: Romanische Forschungen 121/4 (2009), S. 560-561), daß in der Auswahlbibliographie ‘einschlägige’ Arbeiten zum ‘Vulgärlatein’ fehlten – es wäre wohl kaum sinnvoll gewesen, sie in diesem Zusammenhang – es geht in der Grammatik des Priscian ja um die Schriftsprache von der Mitte des dritten vorchristlichen bis etwa zum Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, keineswegs um das gesprochene spätantike Latein – anzuführen –, sei mit den (leicht abgewandelten) Worten des Apollonios Dyskolos, die dieses eine Mal unübersetzt bleiben mögen, geantwortet: Παντί τῳ προπτόν ἐστιν ὡς ἡ σύντομος ἐρμηνεία μετὰ τς δεούσης σαφηνείας πολλ κρείττων καθέστηκε τς οὐκ οὕτως ἐχούσης φράσεως· ὅθεν κατὰ δύναμιν τὴν ἰδίαν πειρασόμεθα τὸν περὶ τν το Πρισκιανο λόγον διεξιόντες τὰ μὲν παρέλκοντα παραπέμπεσθαι, τὰ δὲ ἐλλείποντα προσαναπληρσαι, τὰ δε μακροπεριοδεύτως ὑπ̓ ἐνίων εἰρημένα ἀνελλιπς ἐπιτομώτερον φράσαι.
(4) Zweitwichtigster Autor nach Vergil war Terenz, dessen Komödien dementsprechend im antiken Schulsystem ein herausragender Platz zukam.
(5) Apollonios Dyskolos: Über das Pronomen, Einführung, Text, Übersetzung und Erläuterungen von Philipp Brandenburg, München; Leipzig: K. K. Saur, 2005. Die sehr verdienstvolle Arbeit Brandenburgs enthält neben einer Fülle von Druckfehlern und einigen Textumstellungen, die meines Erachtens nicht erforderlich gewesen wären, allerdings auch Fehler in der Übersetzung, die Studenten ohne Altgriechischkenntnisse verborgen bleiben werden. Beispielsweise steht auf S. 227 «Die Artikel werden an Stelle der Nomina verwendet […]», wo es dem Originaltext zufolge nicht «Nomina», sondern «Pronomina» heißen muß. Bisweilen wird dadurch der Sinn unverständlich, so etwa auf S. 255: «Es ist aber auch über die postpositiven (hupotaktikós) {Artikel, d. h. die Relativpronomina} zu sagen, daß sie mit den Vokativen nicht zusammengestellt werden.» Im Originaltext steht τας κτητικας (‘taîs ktētikaîs’, ‘den Possessivpronomina’), es ist also gemeint, daß die nachgestellten Artikel (darunter fallen auch die griechischen Relativpronomina) nicht mit Possessivpronomina verbunden werden. Nur unter Berichtigung dieses Fehlers versteht man etwa das Folgende, was Brandenburg wieder richtig übersetzt und erläutert, wobei er wie auch sonst konsequent für «Person» «Referent» verwendet: «Wir haben ja gesagt (13, 20-23), daß der Artikel, wo er verwendet wird, eine vorausgehende Kenntnisnahme anzeigt, den Possessiva aber ermangelt es an der Person, auf die sich die Possession bezieht. […] Wie sollte sich also der Kenntnis anzeigende {anaphorische Artikel} deiktisch auf den ungenannten {und somit unbekannten} Referenten (prósopon) beziehen?» (S. 255). Trotz mancher solcher Fehler handelt es sich jedoch um eine insgesamt gelungene Übersetzung, deren Mängel hoffentlich bald in einer zweiten Auflage korrigiert werden können.
Sämtliche Parallelstellen, in denen Priscian Apollonios Dyskolos übersetzt, paraphrasiert oder adaptiert, hat Brandenburg (2005: 668) unter Rückgriff auf Theodor Matthias (1887: 603-604) tabellarisch aufgelistet. Die seit dem 19. Jahrhundert gängige Feststellung, daß Priscian sich in methodischer Hinsicht bei der Anlage seiner beiden Bücher über das lateinische Pronomen offenbar ausschließlich an die Analyse des Apollonios Dyskolos gehalten habe, scheint zutreffend zu sein.
(6) Dieses enthält, da das 12. Buch am Ende des zweiten und das 13. Buch am Anfang des dritten Bandes der Grammatici Latini stehen, nach dem lateinischen Text der beiden Bücher auch das Vorwort zum dritten Band sowie den «Conspectus subsidiorum», welcher die Abkürzungen des textkritischen Apparats auflöst.
(7) Axel Schönberger: Priscians Darstellung der lateinischen Präpositionen: lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung des 14. Buches der Institutiones Grammaticae, Frankfurt am Main: Valentia, 2008, S. 7-16. Erst nach dem Erscheinen dieses ersten Bandes meiner Priscian-Übersetzung erhielt ich von einem gleichartigen französischen Projekt Kenntnis, das aus gleichen Überlegungen den Text der Ausgabe von Martin Hertz zugrundelegt: «Avec l’édition fournie par Martin Hertz en 1855-1859 nous avons la chance de disposer d’un travail critique solide et fiable, remarquable pour son époque, malgré quelques insuffisances, notamment dans le choix de manuscrits. Heinrich Keil l’a accueillie dans les tomes II (1855) et III (1859) de ses Grammatici Latini, et c’est même avec le tome II qu’il inaugura la série, puisqu’il le fit paraître avant le tome I (1857), consacré à sa propre édition de Charisius et de Diomède. Une nouvelle édition critique serait certes un facteur d’approfondissement de l’œuvre et permettrait aussi de mieux connaître sa diffusion et sa réception, d’éclairer également certains passages d’interprétation délicate, mais ne modifierait le texte que sur des points mineurs. Aujourd’hui la priorité va à la traduction, afin de mettre à la portée des non latinistes et du grand public une somme qui a été pendant des siècles le moteur de la réflexion linguistique.» (Baratin / Garcea 2005b: 26).
(8) Axel Schönberger: Die Ars minor des Aelius Donatus: lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung einer antiken Elementargrammatik aus dem 4. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Valentia, 2008; Axel Schönberger: Die Ars maior des Aelius Donatus: lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung einer antiken Lateingrammatik des 4. Jahrhunderts für den fortgeschrittenen Anfängerunterricht, Frankfurt am Main: Valentia, 2009.

Inhalt

Leseprobe:

Auszug aus dem Text (S. 27-31, ohne die zugehörigen Anmerkungen):

[2.2 Die drei grammatischen Personen]

Es gibt drei Personen der Pronomina, die erste, zweite und dritte. Die erste liegt vor, wenn die Person selbst, die spricht, etwas über sich aussagt; die zweite, wenn [sie] über diejenige, zu welcher sie [=die erste Person] in direktem Gespräch spricht, [etwas sagt]; die dritte, wenn sie über diejenige [spricht], die weder etwas sagt noch das direkte Gespräch auf sich zieht.
Denn wenn wir sagen, es ist die erste [Person], die spricht, kann sie nichts über sich sagen, sondern über die zweite oder dritte, und es entsteht ein Zweifel; wenn wir auf ähnliche Weise über die zweite sagen, zu wem sie spricht, kann sowohl zur ersten als auch zur dritten verstanden werden: Denn die Rede selbst gehört nicht nur zur zweiten, sondern auch zur ersten und zur dritten [Person]. Wenn wir es auch über die dritte sagen, über die man spricht, wird man finden, daß sie drei Personen gemeinsam ist: Denn man spricht sowohl über die erste als auch über die zweite als auch über die dritte [Person]. Besser hat daher Apollonius, dem wir, soweit es uns möglich war, zu folgen beschlossen haben, vorangestellte Definitionen der Personen gebraucht.
Deutlich jedoch wird die erste Person im Singular ausgedrückt: Denn im Plural bewirkt sie die Vorstellung anderer Personen, das heißt von zweiten oder dritten [Personen]; der zweiten [Personen] zum einen, wenn sie zu ihnen selbst in ihrer Gegenwart spricht, wie in ego et uōs facimus (131), der dritten [Personen] zum anderen, wenn man, während man zu anderen spricht, das heißt zu einer zweiten Person, sich die anderen als anwesende oder abwesende verbindet, wie in ego et istī facimus (132) oder ego et illī fēcimus (133); sie kann sich aber auch beide zugleich verbinden, wie in ego et uōs et illī fēcimus (134). Die zweite [Person] aber schließt alleine die dritte [Person] mit ein, tū et ille (135) oder uōs et illī fēcistis (136), die dritte jedoch nur eine [andere] dritte, istī et illī fēcērunt (137). Deshalb wird auch darin die sich weit erstreckende Fülle der dritten Person offensichtlich, die allen [anderen] verbunden werden kann. Was also [ist zu folgendem Satz zu sagen]: quod multī simul loquentēs dīcunt, nōs fēcimus? (138) Er steht zu dem oben Gesagten nicht in Widerspruch. Ein jeder der Sprechenden macht sich nämlich eine Vorstellung derer, die mit ihm zusammen sprechen, weil ja ein jeder Teil des Ganzen ist, der, wenn er die übrigen, die mit ihm sprechen, bezeichnen will, sie notwendigerweise der zweiten oder dritten Person zuweist. Und dies verhält sich sowohl bei den Pronomina als auch bei den Verben so, bei welchen die Personen auch bestimmt werden.

[2.2.1 Die Verwendung der Personalpronomina]

Und man muß wissen, daß zwar in der ersten und zweiten Person das Pronomen gesetzt wird, in der dritten aber nicht, außer wenn es einer Deixis oder einer Anaphorik bedarf. Denn meistens setzen wir statt seiner ein Nomen, wie wenn Pompeius zu Caesar ego et tū et Crassus teneāmus rem pūblicam (139) sagt; wenn aber eine Deixis oder eine Anaphorik erforderlich ist, dann setzen wir ein Pronomen, wie ego et tū et ille, quem uidēs (149) oder ego et tū et is, dē quō dīxī (141); denn jedes Nomen gehört mit Ausnahme des Vokativs der dritten Person an, so wie oben ausgeführt ward, wenn es nicht einem Existenz- oder Rufverb verbunden wird, und zu Recht, weil der erste Gebrauch selbst der Nomina nicht zum Reden zu jemandem, sondern über jemanden dient. Wir sagen nämlich nōminētur hic, quī nātus est, Virgilius (142), indem wir den Nominativ gebrauchen; denn die erste und zweite Person benötigen – außer im übertragenen Sinne – die Hinzufügung eines Nomens nicht, weil derjenige selbst, der spricht, sowohl die eigene Existenz und die eigene Beschaffenheit (143) als auch die dessen, zu dem als Gegenwärtigem er als Gegenwärtiger spricht, zu kennen oder zu betrachten scheint. Daher werden indes die Nomina der dritten Person passend verbunden, weil die Person entweder abwesend sein oder ihre Beschaffenheit durch ihre Entfernung undeutlich werden kann. Deshalb wird einerseits durch ein Pronomen die Existenz (144) an sich, durch ein Nomen andererseits auch die Beschaffenheit zum Ausdruck gebracht, bezüglich derer in dieser Person oft ein Zweifel aufkommt, wie bei Vergil im sechsten Buch [der Aeneis]:

(14) Quis, pater, ille, uirum quī sīc comitātur euntem? (145)

Da man die ihm eigene Beschaffenheit nicht kennt, wird [sein] Name erfragt. Denn die Pronomina bezeichnen nur die Existenz, nicht auch die Beschaffenheit, soweit es in ihrem lautlichen Ausdruck liegt.

Auszug aus S. 59:

Bei allen formal Zusammenfallenden muß man aber dies wissen, daß der Aufbau oder die Ordnung des Satzes für Eindeutigkeit sorgt (380). Denn durch nichts anderes werden sowohl die Satzteile (381) als auch ihre Akzidentien unterschieden als durch ihre Bedeutung, zu der auch die Syntax beiträgt (382). Denn oft kommen lautlich ähnliche Wörter vor, wie amātor (383), accūsātor (384), ōrātor (385), die sowohl Nomina als auch Verben sind; auf ähnliche Weise sind poētae (386), Mūsae (387), diēī (388), reī (389) sowohl Genetive als auch Dative. Sie werden daher durch ihre Bedeutung voneinander unterschieden (390), auf die man bei allen [Satzteilen] äußerst aufmerksam achten muß.


Auszug aus dem Nachwort (S. 158-161):

Die Komposition (‘Figur’) der Pronomina

Pronomina können einfach oder zusammengesetzt sein. Dabei ist zu beachten, daß die grammatikalische Analyse nicht immer mit der der heutigen Latinistik und Indogermanistik übereinstimmt, da sie nur Kompositionen erfaßt, die im Klassischen Latein Muttersprachlern oder den Grammatikern der Spätantike noch als solche erkennbar waren. Priscian führt aus, welche Pronomina in welchen Fällen durch Zusammensetzung mit einem anderen Element oder durch Verdoppelung univerbiert werden können. Sofern Zusammensetzungen heute anders zerlegt werden, wie etwa im Falle von īdem, ist dies im Kommentar zum Text an den entsprechenden Stellen vermerkt. Sodann geht es um paragogische Wortverlängerungen durch den Anschluß tonloser (enklitischer) Partikeln (-met, te, -pte, -ce).
Da im deutschen Schulunterricht die Art der lateinischen Betonung meist nicht richtig gelehrt wird und insbesondere in romanistischen Darstellungen die Akzentregeln des Klassischen Lateins in unzureichender Verkürzung angegeben zu werden pflegen, sei an dieser Stelle kurz ausgeführt, was das Wesen des Akzents des klassischen Lateins ausmacht. Es handelt sich nicht um einen dynamischen Silbenakzent, sondern um einen silbisch gebundenen musikalischen Morenakzent. Phonologisch relevant ist einzig der Unterschied zwischen Hochton und Tiefton, phonetisch mag es im Tieftonbereich gewisse Unterschiede gegeben haben. Ein Hochton kann nur eine More dauern; er wird mit einem Akutakzent notiert. Alle tieftonigen Silben tragen einen Graviskazent zum Zeichen dafür, daß sie unbetont sind. Da ein langer Vokal oder ein Diphthong zwei Moren mißt, kann er entweder auf seiner ersten oder auf seiner zweiten More betont werden. Steht die erste More im Hochton, so muß die Akzentuierung, da die zweite More dann notwendigerweise zum Tiefton abfällt, mit einem Akut und Gravis notiert werden, was in der Zusammensetzung den Zirkumflexakzent ergibt, der diesen ‘gebogenen’ Ton bezeichnet. (Nur in der Zusammensetzung mit einem Akut muß man einen Gravisakzent an sich auch notieren, da ansonsten ja ohnehin klar ist, daß alle nicht mit einem Akut
oder Zirkumflexakzent versehenen Vokale eines Wortes unbetont sind.) Steht dagegen die erste More eines Langvokals oder Diphthongs im Tiefton und wird nur seine zweite More im Ton erhöht, so wird dies mit einem Akutakzent notiert. Im Altlatein kann der Hochton zwischen der fünft- und vorletzten Vokalmore eines Wortes, und zwar in der vor-, dritt- oder viertletzten Silbe vorkommen. Im Klassischen Latein ist das ursprüngliche Akzentsystem, das dem des Sanskrit gleicht, durch Synkopierung nachtoniger Kurzvokale dahingehend verändert, daß der Hochton einerseits in der Regel nunmehr nur noch zwischen der viert- und vorletzten Vokalmore eines Wortes auf der dritt- oder vorletzten Silbe steht und andererseits im Ausnahmefall durch Apokopierung von Schlußsilben auch eine Reihe endbetonter Wörter und Formen vorkommt. Der Tonhöhenunterschied zwischen Hoch- und Tiefton dürfte in etwa zwei bis zweieinhalb Tonschritte betragen haben, wobei die damalige Tonalität andere Intervalle als die heutige Harmonielehre ermöglichte. Auf welcher der Vokalmoren der Hochton im Klassischen Latein steht, wenn ein Wort mehr als eine Vokalmore aufweist, hängt von der phonetischen Silbenstruktur des Wortes ab. Bei einem zweimorigen einsilbigen Wort steht der Hochton auf der vorletzten Vokalmore, ein einmoriges einsilbiges Wort steht bei alleinigem Vorkommen im Hochton, im phonetischen Kontext verhält es sich dann proklitisch und verliert somit seine Betonung, wenn das folgende Wort mit einem Hochton auf seiner ersten Vokalmore beginnt. Bei einem zweisilbigen Wort kommt es auf die Länge der Vokale in beiden Silben an. Normalerweise – mit Ausnahme zweisilbiger Wörter, die aus ursprünglich dreisilbigen unter Apokopierung der Endsilbe entstanden sind, so daß sie im Klassischen Latein unter Beibehaltung der ursprünglichen Akzentstelle auf der letzten Silbe betont werden – tritt der Akzent hier auf die vorletzte Silbe zurück. Ist deren Vokal – es kommt nicht darauf an, ob sie offen oder geschlossen ist – kurz, so steht dessen einzige More im Hochton. Ist er lang, so hängt es von der Qualität des Vokals der letzten Silbe ab, welche More der vorletzten Silbe betont wird. Ist der Vokal der letzten Silbe einmorig (und zwar auch dann, wenn sie geschlossen ist), so tritt der Hochton auf die drittletzte Vokalmore des Wortes, mithin auf die erste More der vorletzten Silbe, zurück. Ist der Vokal der letzten Silbe zweimorig, so steht der Hochton gleichfalls auf der drittletzten Vokalmore des Wortes, nunmehr ist dies aber die zweite Vokalmore der vorletzten Silbe. Bei drei- oder mehrsilbigen Wörtern mit Langvokal oder Diphthong in der vorletzten Silbe gelten dieselben Regeln wie für zweisilbige Wörter mit Langvokal oder Diphthong in der vorletzten Silbe. Ist die vorletzte Silbe dagegen kurzvokalisch und offen, so tritt der Akzent auf die einzige oder – im Falle eines Langvokals oder Diphthongs – letzte More der drittletzten Silbe zurück – diese kann daher immer nur mit einem Akutakzent, nie mit einem Zirkumflexakzent notiert werden –, ist die vorletzte Silbe kurzvokalisch und geschlossen, so wird sie mit einem Akutakzent akzentuiert. Da die einzelnen Wörter im Sprechfluß nicht wie im Deutschen durch Stimmritzenverschlüsse (Glottisschläge) voneinander getrennt wurden, sondern sogenannte ‘phonetische Wörter’ anzusetzen sind, kommt es innerhalb eines phonetischen Wortes unter bestimmten Bedingungen zur Pro- und Enklise. Innerhalb eines phonetischen Wortes können zwar mehrere Hochtöne vorkommen, niemals wird jedoch ein Hochton über zwei Moren in einer Silbe oder in zwei aufeinanderfolgenden Silben gezogen. Trifft daher, wie bereits erwähnt, ein einsilbiges Wort, das auf seiner letzten Vokalmore akzentuiert wird, im phonetischen Wort auf ein auf der ersten oder einzigen More seiner Anfangssilbe betontes Wort, so muß das einmorige Wort immer seinen Ton verlieren und im Tiefton gesprochen werden, es lehnt sich somit proklitisch an. Niemals sprach man demzufolge im Klassischen Latein die Fügung in illō mit zwei Akzenten, also als *ín íllō, sondern immer nur als phonetisches Wort mit einem einzigen Hochton, also als iníllō. Wird ein tonloses (enklitisches) Wort an ein anderes angefügt, so wird der Ton des ersten Wortes auf dessen letzte Vokalmore zurückgezogen. In einer Fügung, deren letzter Bestandteil ein Enklitikon ist, kann somit niemals ein Zirkumflex vorkommen; auch dann, wenn die letzte Silbe vor dem enklitischen Anschluß einen Langvokal oder Diphthong enthält, kann nur dessen zweite More im Hochton stehen. Die Kenntnis dieser an sich einfachen Akzentregeln ist für ein richtiges Verständnis lautlicher Entwicklungen der internen lateinischen Sprachgeschichte unabdingbar und Voraussetzung für verschiedene Erklärungen Priscians, weswegen sie hier als Exkurs eingeschoben ist (1).
Vor diesem Hintergrund versteht man beispielsweise, weswegen Priscian zu den verdoppelten Formen mēmē und sēsē anmerkt, daß diese mit einem Akutakzent auf der vorletzten Silbe gesprochen werden (also unter Verdeutlichung der Morenstruktur meémee und seésee; auch die Notierungen meémèe und seésèe oder mèémèè und sèésèè wären möglich). Da der Vokal der letzten Silbe lang ist, kann die vorletzte Silbe, wie oben ausgeführt, nur auf ihrer zweiten More in den Hochton treten; dies wird mit einem Akutakzent angezeigt. Falsch wäre es, diese Formen als *méèmee oder *séèsee mit einem Zirkumflexakzent zu betonen.
Abschließend werden zum Akzidens der ‘Figur’ sodann noch verschiedene Zweifelsfälle wie eccum und ellum – es handelt sich dabei wohlgemerkt um Formen, die bereits im Klassischen Latein vorkommen – besprochen, die in der Fachliteratur vor Priscian unterschiedlich eingeordnet wurden. Am Ende dieses Kapitels werden nochmals die Kompositionsmöglichkeiten von Pronomina mit anderen Redeteilen zusammengefaßt: Sie können mit Nomina, Adverbien oder Präpositionen univerbiert werden, wobei die Verbindung aus einem Nomen und einem Pronomen immer als Nomen gilt. Die Verbindung eines Pronomens mit einem anderen anderen wird hier nicht mehr thematisiert, nur noch die Verdoppelung einer Pronominalform.

Anmerkung:

(1) Etwas ausführlicher bin ich an anderer Stelle auf die Regeln des lateinischen Akzents eingegangen (Schönberger 2009: 345-361).


Anmerkungen

Der Band enthält die erste moderne Übersetzung der Bücher 12 und 13 des Priscian über das lateinische Pronomen sowie einen ausführlichen Kommentar; zweiter Band der Gesamtausgabe der deutschen Übersetzung Priscians.

Ersteller des Eintrags
Axel Schönberger
Erstellungsdatum
Freitag, 29. Januar 2010, 11:25 Uhr
Letzte Änderung
Mittwoch, 23. Juni 2010, 17:02 Uhr