Priscians Darstellung der lateinischen Syntax (I) (Monographie)

Lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung des 17. Buches der Institutiones Grammaticae


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Axel Schönberger

Verlag
Valentia
Stadt
Frankfurt am Main
Publikationsdatum
2010
Auflage
1
Reihe
Bibliotheca Romanica et Latina; 12
ISBN
978-3-936132-10-6 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Spanisch, Griechisch, Latein
Disziplin(en)
Sprachwissenschaft
Schlagwörter
Gräzistik, Latinistik, Grammatikographie

Exposé

Wie bei den bisher veröffentlichten kommentierten Übersetzungen des 12., 13., 14. und 16. Buches liegt auch mit vorliegender kommentierter Ausgabe des 17. Buches der wissenschaftlichen Lateingrammatik Priscians, des ersten Bandes des Prīsciānus minor, die erste Übersetzung in eine moderne Sprache vor. Sie soll Studenten der Romanischen Philologie sowie anderer Disziplinen die Möglichkeit bieten, einen der bedeutendsten sprachwissenschaftlichen Texte der Antike auch ohne ausreichende Lesekenntnisse im Lateinischen und Altgriechischen zu lesen, weshalb die Kommentierung weit über das übliche Maß hinausgeht und auch für den Fachmann Selbstverständliches erläutert.

Auch in seiner Syntax folgt Priscians meistens dem griechischen Werk des Apollonios Dyskolos, das er teils wörtlich übersetzt, teils paraphrasiert, teils zusammenfaßt, aber auch, wo nötig, durch Beispiele, Paraphrasen aus anderen Grammatiken des Lateinischen oder eigene Ausführungen ergänzt. Die Leistung, die er dabei vollbrachte, ist gewaltig und nötigt noch aus der zeitlichen Distanz von fast 1500 Jahren gehörigen Respekt ab. Auf der Höhe des Wissens seiner Zeit beschreibt er das klassische Latein vom zweiten Jahrhundert vor Christus bis etwa zum Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts mit einer Genauigkeit und Detailkenntnis, die in manchen Bereichen von deutschsprachigen Darstellungen der lateinischen Grammatik auch heutzutage noch immer nicht wieder erreicht wird. Unabhängig davon, was aus heutiger Sicht an seiner Darstellung bisweilen falsch oder ergänzenswert sein mag, muß man sein Werk und den darin enthaltenen Kenntnisstand sowie die von ihm an die lateinischsprachige Welt weitergegebene Methode des großen griechischen Grammatikers kennen, um die Geschichte der mittelalterlichen und neuzeitlichen sprachwissenschaftlichen Beschäftigung nicht nur mit den ‘alten’, sondern gerade den ‘neuen’, insbesondere den romanischen, germanischen, keltischen und slavischen Sprachen Europas, aber auch den außereuropäischen Sprachen, die seit dem 15. Jahrhundert ins Blickfeld zunächst insbesondere der Portugiesen und Spanier rückten, zu verstehen.

Die Behandlung syntaktischer Fragen gehörte nach antikem Verständnis vor allem zur Rhetorik und Dialektik; in der Grammatik wurden normalerweise nur bestimmte syntaktische Probleme anhand ausgewählter Textstellen besprochen. Insbesondere das Lehrgebäude der Rhetorik ermöglichte eine genaue Beschreibung syntaktischer Phänomene und eine treffsichere Fehleranalyse, die auch in didaktischer Hinsicht brauchbar war. Der stetige Fortschritt in der antiken Sprachwissenschaft führte in der griechischen Fachliteratur der Kaiserzeit zu einer zunehmenden Systematisierung der syntaktischen Beschreibung des älteren Griechisch, die Priscian von den führenden griechischen Grammatikern, vor allem von Apollonios Dyskolos, übernahm und mit einer zuvor nie dagewesenen Ausführlichkeit auf das Lateinische übertrug. Weder ist er indes der erste lateinische Grammatiker, der syntaktische Fragen behandelt, noch stammt eben die Methode seiner Darstellung von ihm, was seit Jahrhunderten sattsam bekannt ist. Daß aber die von ihm vorgenommene Übersetzung und Anpassung der syntaktischen Theorie des Apollonios Dyskolos auf das Lateinische einen großen Fortschritt in der Beschreibung der lateinischen Syntax bedeutete, dürfte jedoch unbestritten sein, und mit modernen Vorstellungen, daß ein originales Werk wertvoller als eine ‘Übersetzung’ und Anpassung sei, darf man Texte einer Zeit, die ganz im Zeichen von imitātiō und aemulātiō, also der schöpferischen Nachahmung von als vorbildhaft empfundenen großen Werken und dem künstlerischen und wissenschaftlichen Wetteifern mit großen Meistern, stand, ohnehin nicht messen.

Bremen und Frankfurt am Main, im Juni 2010
Axel Schönberger

Inhalt

Textauszug (S. 437-445 ohne Anmerkungen):

[3.4.10.5 Zur Unterscheidung homonymer Formen durch ihren syntaktischen Gebrauch]

Bei allen solchen Wörtern, die unterschiedliche Bedeutungen haben, ist daher die Syntax besonders erforderlich, um sie zu erläutern, so wie auch bei den Nomina, bei denen Wörter vorkommen, die lautlich ähnlich sind, [deren] Fälle oder Geschlechter oder Numeri [aber] unterschiedlich sind, wie poētae der Genetiv und Dativ Singular, huiius poētae und huic poētae, sowie der Nominativ und Vokativ Plural, hī poētae und ō poētae, ist. Auf ähnliche Weise ist doctī der Genetiv Singular huiius doctī und der Nominativ und Vokativ Plural, hī doctī und ō doctī. Auf ähnliche Weise sind caedēs, rēs, faciēs im Singular Nominative und Vokative, ‘haec faciēs’ und ‘ō faciēs’, ‘haec caedēs’ und ‘ō caedēs’, ‘haec rēs’ und ‘o rēs’, im Plural aber sowohl Nominative als auch Akkusative als auch Vokative, ‘hae faciēs,’ ‘hās faciēs’ und ‘ō faciēs’.

Man wird auch viele ähnliche [Fälle] bei den anderen Redeteilen vorfinden und nicht auf andere Weise auseinanderhalten als aus der Analogie der Anordnung, das heißt durch das die Fälle den Fällen und die Geschlechter den Geschlechtern und die Numeri den Numeri und die Personen den Personen und die Zeiten den Zeiten auf passende Weise Anordnen. Es ist also nicht zwingend, wenn irgendetwas von seinem lautlichen Ausdruck her ähnlich ist, daß dies gänzlich denselben Akzidenten verbunden wird, sondern daß es auf das Verständnis zurückbezogen wird, wie zum Beispiel jeder Dativ und Ablativ Plural der ‘beweglichen’ Nomina oder Pronomina oder Partizipien durch drei Geschlechter ähnlich ist, wie bonīs, illīs, accūsātīs. Und dennoch verbinden wir sie, wenn wir über Männer reden, männlichen Redeteilen, wenn wir über das entgegengesetzte Geschlecht reden, weiblichen und wenn [das Geschlecht] außerhalb der Bedeutung eines jeden von beiden [liegt], Neutra, wie ‘bonīs uirīs loquor’ und ‘bonīs mulieribus loquor’ und ‘bonīs mancipiīs loquor’, und ‘accūsātīs uirīs [loquor]’, ‘accūsātīs mulieribus [loquor]’, ‘accūsātīs mancipiīs [loquor]’. So auch Ähnliche, welche die Vermischung der Bedeutung durch die Verbindung der Anordnung und der Akzidentien durcheinanderwerfen.

[3.4.11 Syntaktische Inkongruenz der Akzidentien]

[3.4.11.1 Einleitung und Inkongruenz der Personen]

Denn jede Syntax, welche die Griechen σύνταξις nennen, muß auf das Verständnis des lautlichen Wortes zurückbezogen werden. Deshalb pflegen die Schriftsteller in der Syntax die Akzidentien durch unterschiedliche Figuren zu verändern, über die wir oben gelehrt haben, welche, obgleich sie hinsichtlich der Wörter selbst unpassend angeordnet zu sein scheinen, dennoch mit der Logik des Verstandes sehr richtig geordnet zu sein beurteilt werden, wie zum Beispiel die erste und dritte Person übertragen in eine zusammengehen, wie Vergil:

(31ˈ) Ille̮ego, quī quondam gracilī modulātus auēnā
carmen,

es ist nämlich das Verständnis ‘ego Virgilius ille, quī quondam scrīpsī būcolica et geōrgica’.

[3.4.11.2 Numerusinkongruenz]

Auch unterschiedliche Numeri werden auf diese Weise in übertragenem Sinne gebraucht vorgefunden, wie Vergil im ersten Buch der Aeneis:

(148ˈ) pars in frusta secant ueribusque trementia fīgunt.

Er hat einen Plural nicht hinsichtlich des Wortes, sondern des Sinns auf einen Singular bezogen, weil als ‘Teil der Trojaner’ viele verstanden werden.

[3.4.11.3 Genusinkongruenz]

Und durch unterschiedliche Geschlechter:

(161ˈ) quālis eram, cum prīm’aciem Praeneste sub ipsā.

Vergil im achten Buch. Obgleich nämlich Praeneste sächlich ist, aber weil [das feminine Wort] urbs verstanden wird, hat er es [mehr] auf das, was verstanden wird, als auf den lautlichen Ausdruck des Nomens bezogen, indem er sub ipsā sagt.
Auf ähnliche Weise finden wir durch alle Akzidentia aller Redeteile häufig solcherart Figuren.

[3.4.11.4 Kasusinkongruenz]

Und Fälle anstelle von Fällen, wie

(248) corniger Hesperidum fluuius rēgnātor aquārum

Vergil im achten Buch, fluuius anstelle von fluuie, und

(172ˈ) Tū mihi quodcumque̮hoc rēgnī, tū scēptra Iouemque
conciliās,

rēgnī für rēgnum. Diese Fälle haben wir in ausreichender Weise in den vorstehenden Ausführungen erörtert.


Anmerkungen

Erste Übersetzung dieses Textes in eine moderne Sprache; vierter Band der Gesamtausgabe der deutschen Übersetzung Priscians und erster Teil des “Priscianus minor”.

Ersteller des Eintrags
Axel Schönberger
Erstellungsdatum
Dienstag, 31. August 2010, 19:26 Uhr
Letzte Änderung
Dienstag, 31. August 2010, 19:26 Uhr