Die Ars maior des Aelius Donatus (Monographie)

Lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung einer antiken Lateingrammatik des 4. Jahrhunderts für den fortgeschrittenen Anfängerunterricht


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Axel Schönberger

Verlag
Valentia
Stadt
Frankfurt am Main
Publikationsdatum
2009
Auflage
1
Reihe
Bibliotheca Romanica et Latina, Band 7
ISBN
978-3-936132-32-8 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Latein, Sprachübergreifend
Disziplin(en)
Latinistik, Sprachwissenschaft
Schlagwörter
Grammatikographie

Exposé

Über das Leben des Donatus, dem spätere Kommentatoren den Beinamen Aelius zuschrieben, ist wenig bekannt. Wir wissen, daß er aus Nordafrika stammte und im vierten nachchristlichen Jahrhundert lebte. Er war als staatlicher Grammatiklehrer in Rom tätig und unterwies dort Hieronymus (1). Unvollständig erhalten ist sein aus älteren Quellen kompilierter Terenz-Kommentar, nur in Bruchstücken ist seine Schrift zu Leben und Werk Vergils erhalten (2). In über tausend Handschriften überliefert und in Spätantike sowie Mittelalter vielfach kommentiert wurde seine zweigeteilte Grammatik des Lateinischen, die spätere Generationen sogar als Vorbild jeglicher Grammatikographie ansahen und die die ersten volkssprachlichen Grammatiken romanischer Sprachen in Okzitanien und Italien sowie später auch in Spanien und Portugal ebenso wie Grammatiken anderer europäischer Sprachen wesentlich beeinflußte.

Überblickt man die lateinische Grammatikographie der Antike, so mag man zunächst überrascht sein, daß die wohl ‘oberflächlichste’ Grammatik des Lateinischen über mehr als ein Jahrtausend eine so gewaltige Wirkungsmacht entfalten konnte (3). Andere lateinische Grammatiken, auch solche des vierten Jahrhunderts, sind ausführlicher, genauer und besser als der zweigeteilte Lehrgang des Donat (4). Es dürften hauptsächlich drei Faktoren gewesen sein, die zu seinem gewaltigen Erfolg beigetragen haben:

1. Das von den Grammatikern des vierten Jahrhunderts beschriebene Latein war keineswegs die damalige lebendige Umgangssprache, sondern das zwar noch in lebendiger Tradition gepflegte, aber nicht mehr muttersprachlich erlernte ältere Latein, das in einem von der Mitte des dritten vorchristlichen bis etwa zum Ende des ersten und Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhundert reichenden Corpus anerkannter Autoren erhalten und in einer Reihe grammatischer Traktate seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus detailgenau beschrieben war (5), wobei die Grammatiker seit dem dritten Jahrhundert nach Christus vor allem aus älteren Grammatiken, die sie kompilierten, umschrieben oder auch erweiterten, geschöpft zu haben scheinen (6). Als klassischer Autor par excellence galt Vergil; soweit möglich, war man damals bestrebt, grammatische Regeln oder syntaktische Besonderheiten anhand von Belegen aus den Werken der lateinischen Dichter zu exemplifizieren, denen gegenüber Prosaschriftsteller als zweitrangig galten. Im damaligen Corpus der Prosaschriftsteller war Cicero einer unter mehreren, während Caesar keine nennenswerte Rolle spielte. Der allgemeine Niedergang des römischen Reiches und der herkömmlichen Verwaltungsstrukturen scheint dazu beigetragen haben, daß Donats ursprünglich für Kinder und Anfänger bestimmter Abriß der lateinischen Grammatik als ausreichend empfunden wurde, um die traditionelle Hochsprache für den schriftlichen Gebrauch und den mündlichen Umgang in bestimmten Situationen zu erlernen.

2. Donats Streben nach größtmöglicher Kürze – Phänomene, die von anderen Grammatikern ausführlich erläutert werden, werden von ihm oft nur in einem Satz kurz erwähnt oder gestreift – ermöglichte es, einen sogar auf zwei Lerndurchgänge konzipierten Lehrgang (7) in nur einer Buchrolle oder einem kleinen Codex – diese zum Nachschlagen praktischere Buchform wurde im 4. Jahrhundert oft verwandt und eignete sich insbesondere für Lehrbücher – unterzubringen und somit die Kosten für das Lehrmaterial gering zu halten. Wer sich die Abschrift einer ‘normalen’ Lateingrammatik kaufen wollte, mußte dafür wesentlich mehr als für Donats Abriß der lateinischen Grammatik bezahlen.

3. Die Zunft der Grammatiklehrer dürfte rasch erkannt haben, welchen Vorteil das in vielem zu kurz greifende Werk des Donat ihnen bot: Es bedurfte in etlichen Punkten der zusätzlichen Erläuterung eines Lehrers, um ausreichend verständlich zu sein, und es eignete sich – insbesondere in seinem ersten Teil – dazu, diktiert und auswendig gelernt zu werden, wobei die auswendig zu lernenden Passagen eben um entsprechende mündliche Erläuterungen des Lehrers zu ergänzen waren. Eine ausführliche Grammatik des Lateinischen wie etwa die des Charisius, des Diomedes oder die große wissenschaftliche Grammatik Priscians bedarf keines zusätzlichen Kommentars, wie er durch die zu große Kürze Donats eben unumgänglich wird. Der Einsatz der Donatschen Grammatik im Unterricht war somit bestens dazu geeignet, den Grammatiklehrern regen Zulauf zu bescheren und so ihr Einkommen zu erhöhen (8).

Bereits in der Spätantike teilte man die Grammatik in den Grundlagenteil, die Ars minor, und den Hauptkursus, die Ars maior (9). Ganz im Sinne des kreisförmigen Bildungsgedankens wird im zweiten Durchgang einiges, aber nicht alles wiederholt, was im ersten Durchgang vermittelt wurde. In der Ars minor wird im wesentlichen die lateinische Morphologie abgehandelt, die Ars maior vertieft sodann die Behandlung der Wortarten des Lateinischen, deren Zahl Donat auf acht ansetzt, und enthält darüber hinaus einen wie immer äußerst knappen Einleitungsteil zu Schrift, diakritischen Zeichen, Metrik und Betonungsregeln, außerdem einen Schlußteil zu syntaktischen Fragen, die traditionell vor allem von der Rhetorik und Metrik, aber teilweise eben auch von der Grammatik behandelt wurden, sofern es um die Sprachrichtigkeit oder deren Überschreitung im Rahmen der dichterischen Lizenz ging. Es handelt sich somit um einen Lehrgang für sowohl absolute als auch fortgeschrittene Anfänger, der lediglich ein rudimentäres Wissen vermittelt, für viele Phänomene und Fragen sensibilisiert, aber keineswegs ausreicht, um eine sehr gute Kenntnis der lateinischen Hochsprache zu erwerben. Die Ars minor war in erster Linie für Kinder konzipiert, die Ars maior kam auch für Erwachsene mit noch niedrigem Bildungsgrad in Frage.

Donat schöpft großenteils aus denselben Quellen wie andere Grammatiker seiner Zeit. Dabei kompiliert er ältere Schriften (10), die Originalität seiner Leistung besteht lediglich darin, sie größtmöglich zu verkürzen. Viele Beispiele, die er anführt, werden auch von älteren, zeitgenössischen und späteren Grammatikern bemüht. Es würde zu weit führen, hierauf in den Anmerkungen einzeln einzugehen. Entsprechende Stellen führt Louis Holtz (1981) im Apparat zu seiner Textausgabe an, welche im übrigen kaum und vor allem nicht wesentlich von der Ausgabe Keils abweicht, die meiner Textgestaltung zugrundeliegt.

Da Donat einen älteren Sprachzustand des Lateinischen beschreibt, gebe ich die Quantitäten der älteren Sprachstufe wieder, was bei dem zugrundeliegenden Zeitraum von etwa vier Jahrhunderten nicht immer zweifelsfrei möglich ist. Bei der Verbalendung -o/-o der 1. Person Singular habe ich mich für die ältere Variante mit langem o entschieden, obgleich Donat eindeutig von kurzem -o als Regelfall ausgeht. Vermutlich hat er selbst aufgrund seiner nordafrikanischen Herkunft in lateinischer Umgangssprache ohnehin keine phonologisch relevanten Quantitätsunterschiede vorgenommen beziehungsweise lediglich noch unterschiedliche Öffnungsgrade einiger Vokale unterschieden. Im Unterschied zu anderen antiken Grammatikern, welche die Aussprache der einzelnen Vokale und Konsonanten des klassischen Lateins bis ins Detail beschreiben, geht er auf die eigentliche Phonetik des Lateinischen gar nicht erst ein.

Zur Metrik sei angemerkt, daß der Unterscheidung zwischen langen und kurzen Silben die Kombination aus Silbenstruktur und Vokallänge zugrundeliegt: Metrisch kurz sind lediglich im phonetischen Wort offene Silben mit kurzem Vokal. Im phonetischen Wort geschlossene Silben sowie offene Silben mit Langvokal oder Diphthong sind immer lang. Ob die letzte Silbe eines auf Kurzvokal und nur einen Konsonanten endenden Wortes lang oder kurz ist, hängt also immer vom lautlichen Kontext ab; folgt eine Pause oder ein mit einem oder mehreren Konsonanten beginnendes Wort, so ist sie geschlossen und somit lang, folgt ein vokalisch anlautendes Wort, so wird ihr Schlußkonsonant zu diesem gezogen, wodurch sie geöffnet und kurz wird. Sie ist aber immer entweder lang oder kurz. Bei Hexametern und Pentametern setze ich die phonetische Silbe der Arsis – sie ist keine Hebung des Tons, sondern ursprünglich eine des Fußes beim rhythmischen Laufen zum Vers – in den Beispielsätzen fett. Das in Deutschland verbreitete Lesen eines Versakzentes nach mittelalterlicher Weise entspricht nicht der im klassischen Latein üblichen Rezitation, die ohnehin keinen Druckakzent kannte, der Rhythmus eines Verses ist bei phonetisch getreuer Aussprache ohne besondere Hervorhebung sehr gut hörbar, der natürliche musikalische Morenakzent der in ihm vorkommenen Wörter wird nicht verändert.

Daß die Veröffentlichung der beiden Artes des Donat im Rahmen meines Vorhabens, sämtliche Texte der lateinischen Grammatiker der Antike für heutige Studenten moderner Philologien sowie der Allgemeinen und Vergleichenden Sprachwissenschaft mit meist nur geringen Lateinkenntnissen zugänglich zu machen, nunmehr vorgezogen wurde, geht auf eine Anregung meiner Leipziger Kollegin Elisabeth Burr zurück, die mir in der letzten Vorlesungswoche des Sommersemesters 2008 während eines kurzen gemeinsamen Spaziergangs zum Seminargebäude empfahl, vor der anstehenden Veröffentlichung weiterer Bände der umfangreichen Grammatik des Priscian zunächst die beiden Kurzgrammatiken Donats herauszubringen, da dies für entsprechende romanistische Lehrveranstaltungen von Nutzen sein könnte. Dieser Bitte bin ich gerne nachgekommen. […]

Ein Großteil meiner nunmehr veröffentlichten Anmerkungen zu beiden Artes des Donat geht auf eine in lateinischer Sprache gehaltene Vorlesung über die lateinischen Grammatiker der Antike zurück, die ich im Wintersemester 2004/5 auf Einladung des Indogermanisten Jost Gippert am Fachbereich 9 der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main hielt, in welcher freilich außer Donat auch andere antike Grammatiker behandelt wurden.

Ich hoffe, daß die Übersetzungen und Kommentare vorliegender Reihe den ihnen zugedachten vornehmlichen Zweck erfüllen mögen, daß Studenten insbesondere der Romanischen Philologie (11) die antiken Grammatiken wieder lesen, verstehen und insbesondere mit romanischen Grammatiken etwa von Elio Antonio de Nebrija oder João de Barros vergleichen können. […]

Bremen und Frankfurt am Main, im Februar 2009
Axel Schönberger

Anmerkungen:

(1) «Die staatlichen Professoren in Rom lehrten Grammatik, lateinische und griechische Rhetorik, Philosophie, Medizin und Recht. Hieronymus nennt in seiner ‘Chronik’ die berühmtesten: die aus Bordeaux berufenen Rhetoren Patera und Minervius, den Rechtsgelehrten Gennadius, den Grammatiker Donatus […], bei dem Hieronymus selbst studiert hatte, sowie dessen anderen Lehrer Marius Victorinus, einen Africaner, der eine große Zahl von philosophischen und grammatischen Schriften hinterlassen hat. Er erhielt, ebenso wie Flavius Magnus, eine Statue in Rom. Die römischen Professoren wurden ernannt auf Vorschlag des Senates und bezahlt vom Reichspräfekten, später vom Stadtpräfekten» (Demandt 1998: 333).
(2) Fast vollständig erhalten sind dagegen die Interpretationes Vergilianae, welche um 400 nach Christus von Tiberius Claudius Donatus verfaßt wurden.
(3) «Mit dem Wirken des Aelius Donatus in Rom erreichte die lateinische Philologie der Spätantike ihren Kulminationspunkt. Donat verfaßte u. a. eine Grammatik, die konsequent den Gedanken eines zweigeteilten Lehrgangs verwirklichte: auf einen Elementarkurs über die Wortarten, in Frage- und Antwortform, folgt eine eingehendere Behandlung derselben Materie, ergänzt um die grammatischen Grundbegriffe und eine kurzgefaßte Stilistik. Dieses Werk, für dessen Teile sich im Mittelalter die Bezeichnungen Ars minor und Ars maior einbürgerten, wurde für Jahrhunderte das meistbenutzte Lateinbuch. Sein Erfolg bewirkte wohl, daß nunmehr kaum noch selbständige Grammatiken entstanden. Statt dessen verfaßte man Kommentare zu ihm, wenn man reicheren Stoff vermitteln wollte. Aus der Zeit nach Donat ist nur eine von ihm unabhängige Grammatik vollständig erhalten: die monumentale Institutio grammatica des Priscianus in 18 Büchern. Sie übertrifft alles Frühere an Ausführlichkeit und zeichnet sich außerdem durch die schon erwähnte Besonderheit aus, daß sie am Schluß die Syntax erörtert, mit Hilfe der Kategorien des Apollonios Dyskolos. Sie war während des ganzen Mittelalters die maßgebliche wissenschaftliche Grammatik des Lateinischen» (Fuhrmann 1994: 88).
(4) In Deutschland stand zumindest die Ars minor noch bis mindestens zum Ende des 17. Jahrhunderts mancherorts auf dem Lehrplan; siehe Ising (1970: 255).
(5) Zutreffend formuliert Erika Ising (1970: 15): «Wie alle Grammatiker der Spätantike behandelte Donat nicht die gesprochene Sprache seines eigenen Zeitalters, sondern die als «rein» und vorbildlich empfundene Sprache der klassischen lateinischen Dichter und Schriftsteller […]».
(6) Vgl. Barwick (1922: 2): «Seit dem Beginn des 3. Jahrhunderts nämlich scheint die eigene Produktion auf grammatischem Gebiet so gut wie erloschen. Von nun ab leben die Grammatiker fast ausschließlich von dem Erbe ihrer Vorgänger. Darin sind sie sich alle gleich. Nur in der Art, wie sie ihre Quellen ausschreiben, pflegen sie voneinander abzuweichen.» Richtungsweisend für die Erforschung des Verhältnisses der Grammatiker untereinander und ihre Abhängigkeit von älteren Quellen war die Dissertation von Boelte (1886), der seine umfangreichen Vorarbeiten zur Tradition der lateinischen Grammatik und insbesondere der verlorenen des Remmius Palaemon Karl Barwick im Manuskript zur Verfügung stellte (Barwick 1922: 1, Anm. 1). Karl Barwick unterscheidet eine «Charisius-Gruppe» und eine «Donat-Gruppe», der Grammatik des Diomedes erkennt er eine Mittelstellung zu. In genauer Untersuchung kommt er zu dem Ergebnis, daß es neben der alexandrinischen Grammatiktradition, die auf Dionysios Thrax zurückgeht, eine stoisch-pergamenische Grammatiktradition gegeben haben muß, welche für die römische Grammatik in ihrer Anfangszeit seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert prägend war und in Teilen die lateinische Grammatiktradition bis ans Ende der Antike beeinflußte. Dies steht im Einklang mit Suetons Überlieferung, daß der pergamenische Stoiker Krates aus Mallos, der sich unter anderem mit historischer Sprachentwicklung, Textkritik und Auslegung älterer Texte befaßte, die Grammatik nach Rom gebracht habe; allerdings sollen die Römer von ihm zunächst nur die philologische Edition von Gedichten übernommen und gepflegt haben (Suet. gramm. 2). Schulbildend für spätere Jahrhunderte wirkte wohl als erste die Grammatik des Varro, die beispielsweise Nomina und Pronomina als eine Wortart faßte und nach den Ausgängen der jeweiligen Nominative des Singulars klassifizierte. Die neuere, von Remmius Palaemon (zu seiner schillernden Persönlichkeit siehe Suet. gramm. 23) vertretene Richtung ging dagegen vom Genetiv Singular aus und unterschied zunächst vier ordines, aus denen dann später in Vermischung mit Elementen des varronischen Systems fünf Deklinationen wurden (Barwick 1922: 230-237). Varro und Remmius Palaemon scheinen die wichtigsten Quellen für die spätere Entwicklung der lateinischen Grammatik gewesen zu sein, in der sich die stoisch-pergamenische und die alexandrinische Tradition, auf welche etwa die Formenlehre zurückgeht, vermischten (Barwick 1922: 243). Ebenfalls von großer Bedeutung scheinen die Grammatiken des Scaurus und des Arruntius Celsus, die beide im zweiten Jahrhundert nach Christus verfaßt wurden, gewesen zu sein. Gegen Barwick wird auch die Meinung vertreten, nicht Remmius Palaemon, sondern Cominianus sei die Quelle gewesen, aus der die Grammatiker des vierten Jahrhunderts schöpften (siehe zum Beispiel das Vorwort von Guillaume Bonnet zu Dosithée (2005: XV-XVI); auch ich halte dies für wahrscheinlich. Barwick äußert sich allerdings zur Frage eventueller Abhängigkeiten und Traditionslinien sehr differenziert und vor allem schlüssig. Zum einen geht er davon aus, daß bereits vor Remmius Palaemon lateinische Grammatikertraktate existierten (Barwick 1922: 89), was mit der Überlieferung Suetons übereinstimmt; zum anderen setzt er mit der stoischen τέχνη περὶ φωνς (‘tékhne perì phons’, ‘Abhandlung über die Stimme’) eine mutmaßliche gemeinsame Quelle sowohl der lateinischen Grammatiktradition als auch der τέχνη des Dionysios Thrax an, wobei er die lateinische Tradition als eigenständige Weiterentwicklung der stoischen Sprachbeschreibung auffaßt (Barwick 1922: 89-111). Negri (1960: 6; 8, Anm. 13) erinnert zu Recht daran, daß die Lehre von der Stimme im stoischen System zur Dialektik gezählt wurde (Diog. Laert. 7, 43). Einen sehr knappen Überblick über die römische Grammatikographie geben Pocetti / Poli / Santini (2005: 399-422; zu Donat S. 419-420).
(7) Dolch (1982: 69) sieht den eigentlichen Ursprung dieser Zweiteilung bei Quintilian.
(8) Demandt (1998: 326) beschreibt die damaligen Einkommensverhältnisse der Lehrer nach dem Tarif des Diokletian. Ein ‘Grundschullehrer’ (ludi magister), der den Kindern (nicht nur Buben, sondern auch Mädchen) der Mittelschicht – den Kindern der Oberschicht standen Hauslehrer oder gebildete Sklaven zur Verfügung – ab dem 6. oder 7. Lebensjahr das Lesen und Schreiben beibrachte, nahm pro Schüler und Monat fünfzig Denare ein, ein Grammatiklehrer auf der nächsthöheren Bildungsstufe zweihundert Denare. War das Lehrwerk erläuterungsbedürftig, so bedurfte es ausführlicher mündlicher Kommentierung des Lehrenden, seine Durchnahme im Unterricht dauerte länger und brachte dem Lehrer ein höheres Einkommen. Grammatiklehrer genossen ein höheres Ansehen als Elementarlehrer und waren unter anderem vom Wehrdienst befreit.
(9) Die Schreibung /maior/ steht für maiior (<*mag-ior), keinesfalls darf das /a/ in dieser Komparativform lang gesprochen werden.
(10) Vergleicht man etwa die vielen Parallelen bei Charisius und Donat, für welche ersterer Cominianus als Quelle anführt, so scheint es wahrscheinlich, daß auch Donat vieles aus Cominianus übernommen haben dürfte, vermutlich auch solche Beispiele, die dieser wahrscheinlich wiederum älteren Werken wie etwa dem des Quintilian entnahm.
(11) Siehe die Vorbemerkung zu Axel Schönberger: Priscians Darstellung der lateinischen Präpositionen: lateinischer Text und kommentierte deutsche Übersetzung des 14. Buches der Institutiones Grammaticae, Frankfurt am Main: Valentia, 2008, S. 7-16.

Inhalt

Textprobe
(ohne die zugehörigen Anmerkungen):

[1.2] Vom Laut

[1.2.1 Definition des Lautes]

Ein Laut ist die kleinste Einheit einer artikulatorisch unterscheidbaren Lautfolge (10).

[1.2.2 Laute und Lautzeichen]

[1.2.2.1 Einteilung der Laute]

Die Laute sind teils Vokale, teils Konsonanten. Die einen Konsonanten sind Halbvokale, die anderen Verschlußlaute (11).

[1.2.2.1.1 Vokale]

[1.2.2.1.1.1 Definition der Vokale]

Vokale sind diejenigen, die für sich [alleine] ausgesprochen werden und für sich [alleine] eine Silbe bilden.

[1.2.2.1.1.2 Arten der Vokale]

Es sind jedenfalls fünf an Zahl, a, e, i, o und u.

[1.2.2.1.1.3 Vokalische und konsonantische Aussprache der Halbvokale (12) i und u]

Zwei von ihnen, i und u, gehen in eine konsonantische Aussprache über, wenn sie entweder selbst untereinander verdoppelt oder mit anderen Vokalen verbunden werden, wie in Iūnō (13), uātēs (14).

[1.2.2.1.1.4 Weitere Vokale, die als Varianten von i und u angesehen werden]

Diese werden auch ‘mittlere’ genannt, weil sie in gewissen Wörtern keinen deutlichen Klang haben, i wie in uir (15) und u wie in optumus (16).

[1.2.2.1.1.5 /qu-/ + Vokal]

Außerhalb dieser Erscheinungsweise wird das Lautzeichen u bisweilen weder für einen Vokal noch für einen Konsonanten gehalten (17), wenn es sich zwischen dem Lautzeichen q und irgendeinem Vokal befindet, wie in quoniam (18) und quidem (19).

[1.2.2.1.1.6 Zur Verschriftlichung von doppeltem i und u]

Diesem pflegt man ebenso ein Digamma hinzuzuschreiben (20), wenn er sich selbst vorangestellt wird, wie in seruus (21) und uulgus (22). Denn (23) die meisten streiten ab, daß das Lautzeichen i in einer Silbe verdoppelt werden könne (24).

[1.2.2.1.1.7 Lange und kurze Vokale]

Alle lateinischen Vokale können sowohl lang als auch kurz ausgesprochen werden.

[1.2.2.1.1.8 Vorkommen der Aspiration]

Und manche sind der Meinung, daß allein diesen ein Hauchlaut beigefügt werde (25).

[1.2.2.1.2 Konsonanten (I): ‘Halbvokale’ (26)]

[1.2.2.1.2.1 Definition der Konsonanten (I): ‘Halbvokale’]

Halbvokale sind diejenigen, die für sich [alleine] ausgesprochen werden, aber für sich keine Silbe bilden.

[1.2.2.1.2.2 Arten der ‘Halbvokale’, ihre Lautzeichen und Auswirkungen ihrer Aussprache auf die Silbenstruktur]

Sie sind nun sieben an Zahl, f, l, m, n, r, s und x. Unter diesen ist einer doppelt, das x, und vier sind Liquide, l, m, n und r, von denen l und r eine hinsichtlich ihrer Dauer potentiell lange oder kurze (27) Silbe bewirken, und der Laut s hat eine gewisse lautliche Eigenheit: Im Versmaß verliert er zumeist seine Aussprache als Konsonant. Ebenso wird aus jenen der Laut f den Liquiden [l oder r] vorangestellt, wie jeder beliebige Verschlußlaut, und bildet eine hinsichtlich ihrer Dauer potentiell lange oder kurze Silbe.

[1.2.2.1.3 Konsonanten (II): ‘Verschlußlaute’ (28)]

[1.2.2.1.3.1 Definition der Konsonanten (II): ‘Verschlußlaute’]

Verschlußlaute sind diejenigen, die weder für sich [alleine] ausgesprochen werden noch für sich [alleine] eine Silbe bilden.

[1.2.2.1.3.2 Arten der ‘Verschlußlaute’ und ihre Verschriftlichung mit lateinischen Lautzeichen]

Sie sind indes neun an Zahl, b, c, d, g, h, k, p, q und t. Aus diesen scheinen manchen [die Lautzeichen] k und q überflüssig zu sein; diese wissen nicht, daß man, sooft ein a folgt, [das Lautzeichen] k voranstellen muß, nicht [das Lautzeichen] c; [und] daß man, sooft ein u folgt, mit q, nicht mit c zu schreiben hat (29). Das h wird bisweilen für einen Konsonanten, bisweilen für das Zeichen einer Behauchung gehalten.

[1.2.2.1.3.3 Griechische konsonantische Lautzeichen im lateinischen Alphabet]

Es bleiben y und z übrig; diese Lautzeichen haben wir wegen der griechischen Nomina hinzugenommen: Denn das eine ist ein Vokal, das andere ein Doppelkonsonant. Daher kommt es, wie etliche glauben, daß es nicht mehr als siebzehn lateinische Lautzeichen gebe, wenn jedenfalls aus den dreiundzwanzig eines ein Hauchzeichen ist, eines doppelt, zwei überflüssig und zwei griechisch.

[1.2.3 Akzidentien der Laute]

Jeder Laut weist drei Akzidentien auf: seinen Namen, sein schriftliches Lautzeichen und seine lautliche Realisierung. Man fragt nämlich, wie der Laut genannt wird, mit welchem Lautzeichen er dargestellt wird und was er beinhalte.


Anmerkungen

Erste kommentierte Übersetzung der Ars maior Donats in eine moderne Sprache.

Ersteller des Eintrags
Axel Schönberger
Erstellungsdatum
Montag, 28. Dezember 2009, 15:53 Uhr
Letzte Änderung
Sonntag, 10. Januar 2010, 13:42 Uhr