Stadt: Tübingen

Frist: 2019-03-25

Beginn: 2019-02-01

Ende: 2019-03-25

Call for Papers

Fachdidaktische Tagung Relativität und Bildung.

vom 18.2.-20.02.2020 an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

In einer pluralen und demokratischen Gesellschaft ist die Relativität von Gewissheiten konstitutiv geworden, so sind auch politische und religiöse Vereindeutigungsversuche hier nur Ausdruck für die Nachfrage nach stellvertretenden Bewältigungsangeboten. Die Frage der Relativität ist bildungstheoretisch von grundsätzlichem Interesse. Dass ein allgemeines Bildungsziel in der Einsicht in die Perspektivität und damit Relativität von Erkenntnis besteht, das ist zum einen der theoretischen Selbstreflexion der Wissenschaft geschuldet sowie der Notwendigkeit, deren state of the art in Bildungskontexte zu transformieren. Zum anderen findet diese Reflexion auch in einer historisch-kulturellen Situation statt, in der Pluralität selbst ein Wert und damit ein Bildungsziel ist. Damit hängt aber die spezifische Herausforderung zusammen, Perspektivität und Relativität nicht zu Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit werden zu lassen. Einsicht in strukturelle Perspektivität und Relativität wird so zum Ausgangspunkt für ein darüber hinausgehendes Bildungsziel, das sich als Orientierung in relativen Gewissheiten beschreiben lassen könnte. Zur historisch-kulturellen Situation gehört auch, dass seitens bestimmter Gruppen der Wert der Pluralität nicht geteilt wird und womöglich als Teil einer abgelehnten liberalen Bildungselite wahrgenommen wird. Das Thema Relativität und Bildung berührt auch diesen Zusammenhang, so ist Pädagogisches Handeln selbst fortlaufend durch Ungewissheit und Vermittlungskrisen gekennzeichnet.
Zudem stellt die Relativität von Erkenntnissen für die schulische Bildungsarbeit eine zusätzliche Herausforderung dar. Schülerinnen und Schüler bestehen auf einer eigenen Meinung und finden es andererseits mitunter unbefriedigend, wenn das Pro und Contra, das Einerseits-Andererseits schon das letzte Wort zu sein scheint, gerade in Fächern, in denen sie sich Orientierung erhoffen. Im Unterricht kann ein Zuviel an Relativität bestehen, etwa wenn es heißt ‚Das muss jeder selber wissen‘ und damit jede weitere Reflexion unterbleibt. Auf einer weiteren Ebene gehört die Frage nach Relativität und Gewissheit besonders in den Fachdidaktiken zum Kerngeschäft ihrer Reflexion und Selbstvergewisserung.

  • In der fremdsprachlichen Fachdidaktik wird beispielsweise hinsichtlich des Spracherwerbs nach der Relation zwischen lernersprachlichen Praktiken und zielsprachlichen Normen oder zwischen eigen- und fremdkulturellen Normen gefragt.
  • Im Literaturunterricht entsteht häufig eine Diskrepanz zwischen der z. T. vehement verfolgten “Austreibung” der Vorstellung einer richtigen Interpretation einerseits, und dem Festhalten an Objektivitätsstandards andererseits.
  • In den Theologien geht es um das Spannungsfeld zwischen Gewissheit und Ungewissheit hinsichtlich historischer sowie existenzieller religiöser Wahrheit.
  • Ähnlich fragt die Didaktik der Philosophie/Ethik nach Begründungsmöglichkeiten von Werten und Normen vor dem Hintergrund der Unmöglichkeit der Letztbegründung.
  • In der Geschichtsdidaktik und verwandten gemeinschaftskundlichen Fachdidaktiken sind zwar Unterrichtsprinzipien wie die Multiperspektivität und das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsenses fest verankert, trotzdem besteht hinsichtlich des Umgangs mit den von Lernenden geäußerten Sach- und Werturteilen oftmals eine erhebliche Unsicherheit – gerade im Hinblick auf implizit von Lehrkräften zugrunde gelegten normativen Erwartungen. Auch der erkenntnistheoretisch nicht hintergehbare Konstruktcharakter jeder Geschichtserzählung trägt erheblich zur Verunsicherung bei.
  • Pädagogische Semantiken wie Heterogenität und Diversität stellen in diesen normativen pädagogischen und fachdidaktischen Erwartungsstrukturen auf lern- und leistungsbezogene Relativitäten um. ‚Inklusion‘ kann in diesem Kontext als Strategie der pädagogischen Relativitätshandhabung verstanden werden, die zwar ein relatives anstelle eines absoluten Leistungsverständnisses präferiert, die Frage jedoch, ob und in welcher Weise Inklusion notwendigerweise eine Relativierung von Sachgegenständen und gegenstandsbezogenen Lernprozessen bedingt, bislang offen lässt.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen plant eine Gruppe von Fachdidaktik-Professuren der Universität Tübingen eine Tagung zum Thema „Bildung und Relativität. Herausforderungen und Grenzen des Relativen.“

Die fachdidaktische Tagung mit ca. 20 bis 30 Teilnehmenden soll helfen, die Reflexion bildungstheoretischer und fachdidaktischer Konzeptionen zu vertiefen:

  • Wie adressieren die Akteure im fachlichen Unterrichts sprachlich-kulturelle Normen, als absolute Normen (richtig/falsch) oder als relative Normen (z.B. im Hinblick auf kommunikative Funktionen, Varietäten, kulturelle Konstrukte)?
  • Wie erzeugen Lehrende in der Unterrichtspraxis Normativität und Relativität und wie kann diese Praxis einer wissenschaftlichen fachdidaktischen Kritik zugänglich gemacht werden?
  • Welche Funktion übernehmen Aufgaben in der fachdidaktischen Gestaltung von Relativitäten?
  • Wie können fachdidaktische Ansätze die Relativität von Lernprozessen in Bezug auf inklusive Unterrichtssettings gegenstandsbezogen bearbeiten?
  • Welche methodologischen Fragen stellen sich in der empirischen Erfassung von Relativität bzw. der Förderung dessen?
  • Welche Erkenntnisse lassen sich auch dem historischen Vergleich des unterrichtlichen Umgangs mit verschiedenen Formen von Relativität gewinnen?
  • Wie lassen sich Werturteile im (Fremd-) Sprach- und Geschichtsunterricht nicht nur ethisch-philosophisch (im Grunde also heteronom) begründen, sondern wie könnten genuin fachdidaktische Ansätze zur Werturteilsbildung formuliert werden?
  • Viele curricular verankerte Themen besitzen einen intendierten normativ-politischen Gehalt (z.B. Gendergeschichte, Umwelt- oder der Kolonialgeschichte, deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert, Nation/des Nationalismus): Wie lässt sich mit diesen (implizit) normativ wirksamen Erwartungen im Unterricht umgehen und welche Erfahrungen bestehen hierzu in der Lehramtsausbildung?
  • Wie lässt sich ein prinzipienorientierter Umgang mit religiöser, literarischer, philosophisch-ethischer und weltanschaulicher Vielfalt oder Pluralität didaktisch konzeptualisieren?
  • Wie kann die Spannung, zwischen der von den Geschichts- und Geisteswissenschaften konstatierten historischen Relativität kultureller, religiöser und politischer Diskurse und den überzeitlichen normativen Ansprüchen der Religionen bildungstheoretisch konstruktiv bearbeitet werden?

Die Abstracts im Umfang von ca. 500 Wörtern sollten bis zum 25.3.2019 unter geschichtsdidaktik@histsem.uni-tuebingen.de eingereicht werden, für inhaltliche Rückfragen wenden Sie sich gern an: carolin.fuehrer@uni-tuebingen.de.

Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten ist geplant, wird aber derzeit noch beantragt.

Es freuen sich auf Ihre Beiträge: Bernd Grewe, Friedrich Schweitzer, Bernd Tesch, Marcus Emmerich, Philipp Thomas, Wolfgang Polleichtner, Fahimah Ulfat, Uwe Küchler und Carolin Führer.

Beitrag von: Bernd Tesch

Redaktion: Christoph Behrens