„Transfuge“, Transfer, Übersetzung : die Rezeption Didier Eribons im deutschsprachigen Raum

Internationale Tagung
Universität Nantes
19. – 21. November 2020

Seit seiner Übersetzung durch Tobias Haberkorn 2016, sieben Jahre nach der französischen Erstausgabe, avancierte Rückkehr nach Reims zum Bestseller auf dem deutschsprachigen Markt mit 90 000 verkauften Exemplaren innerhalb nur eines Jahres. Auch die Interviews mit Didier Eribon in der deutschsprachigen Presse sowie die Vorträge und Diskussionen in Deutschland und Österreich sind mittlerweile Legion. Thomas Ostermeiers Theateradaption des Textes auf Englisch, Deutsch und Französisch seit Juli 2017 ist ein Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Rezeption, die uns gleichzeitig auch Schlüssel zum Werk selbst liefert.
Denn die Rezeption des Textes und seines Autors stehen geradezu beispielhaft für die Prinzipien des Kulturtransfers. Ostermeiers Returning to Reims/Rückkehr nach Reims/Retour à Reims kann als Reflexion der Übertragungsmechanismen selbst gelesen werden, so sehr scheint diese Adaption die Formen des Vergleichs sowie der Übertragungs- und Aneignungsprozesse an sich zu hinterfragen. Ostermeiers Bearbeitung wirft die Frage nach einer « Übersetzung » des Eribonschen Textes in andere Medien wie Theater oder Film auf, seine Anpassung an andere nationale Kontexte und seine Ausweitung der Hinterfragung der « sozialen Klasse » auf die Bereiche « Gender » und « Race ». Sie zeigt schließlich auch, dass der Text Eribons als « Vektor und Ressource von Identifikationsmöglichkeiten » fungiert, indem er mit der persönlichen Geschichte des/der jeweiligen Protagonisten/in oder Schauspielers/in kurzgeschlossen werden kann.
Ein weiteres zentrales Element der Rezeption von Retour à Reims im deutschsprachigen Raum ist die Auslegung der Eribonschen Thesen, mit denen sich u.a. die Wahlerfolge der AFD, insbes. in der ehemaligen DDR, und die rechtspopulistischen Strömungen in Europa allgemein erklären lassen könnten.

Dieses Kolloquium widmet sich der scheinbar extremen Transferierbarkeit des Eribonschen Textes, die eventuelle geschichtliche und politische Missverständnisse riskiert. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den Kulturtransfer Frankreich-Deutschland bzw. Frankreich-Österreich gelegt. Selbst wenn der Text Retour à Reims den Eintritt Eribons ins deutschsprachige mediale Feld einläutet, so kann weiter auch über die Rezeption Eribons als Intellektueller und der « Theoriebildung » seiner Texte, vermittelt über den deutschsprachigen Raum oder andere Länder, nachgedacht werden.
Diese fast perfekte Voraussetzung zum Transfer liegt wohl auch an der mehrdeutigen Genrezuschreibung von Retour à Reims zwischen Autobiographie, Autosoziobiographie, Autoanalyse, zwischen soziologischer und politischer Studie. Dieser Stil des « Dazwischen », der die Mehrheit der Eribonschen Texte auszeichnet, kann als eines der Charakteristika der « Theorie » gelesen werden – einer spezifischen Form des Wissens, die sich deutlich von der akademischen Disziplin der Soziologie oder Philosophie abhebt. Philipp Felsch versuchte, die Geschichte der Theorie nachzuzeichnen und hat dabei eine besondere Lesart ausgemacht, eine Form der « emphatischen » Lektüre, die die Verbreitung der Texte, ihren intensiven Gebrauch, eine existentielle Projektion, begünstigt. Auch die These Carlos Spoerhases kann aus dieser Perspektive heraus analysiert werden: Er nimmt auf die Terminologie von Chantal Jaquet Bezug und sieht im « transclasse » die paradigmatische Figur des Intellektuellen und insbes. des Intellektuellen und Übersetzers, der uns den Zugang zu einem « uns fremden Teil der Gesellschaft » ermöglicht.
Ist nun in der deutschsprachigen Rezeption von Didier Eribon weniger ein « kulturelles Missverständnis » als vielmehr ein paralleles Phänomen dessen zu sehen, was François Cusset, ausgehend vom französischen Poststrukturalismus, als Prozess einer Theoriebildung, die über das Ausland läuft, ausgemacht hat?

Folgende Themenbereiche könnten in den Beiträgen behandelt werden:
- die Situierung Eribons im wissenschaftlichen und medialen Feld Frankreichs als möglicher Ausgangspunkt des Transfers
- der jeweilige historische und politische Kontext der Eribon-Rezeption im deutschsprachigen Raum
- Beziehungen verschiedener Rezeptionsfelder untereinander oder vergleichende Analysen, die die Rezeptionsmechanismen erläutern könnten
- die Publikationsgeschichte der Texte Eribons im deutschen und österreichischen literarischen Feld ; ihre Herausgabe bei Suhrkamp bzw. Turia+Kant ; Hindernisse und verlegerische Strategien
- Übersetzungsgeschichte und – analyse der Texte ; deren Rolle bei der Entstehung theoretischer Konzepte im medialen, literarischen, künstlerischen und universitären Feld der deutschsprachigen Länder
- die Rezeption der Texte und politischer Stellungnahmen Eribons in der deutschsprachigen Presse ; die Formen der Interviews ; die Formen der Nutzung des medialen Feldes durch Eribon
- Analyse und Rezeption der Bühnenadaption Ostermeiers
- künstlerische und kreative Rezeptionsformen von Retour à Reims im deutschsprachigen Feld (Ulli Gladik, Thomas Jonigk, Ivette Löcker …)
- Die Rezeption Eribons im universitären Feld
- Rezeption des Begriffs « transfuge de classe » im deutschsprachigen Raum
- Retour à Reims in den neuen Bundesländern

Bitte richten Sie Ihren Vorschlag (ca. 300 Worte) auf Deutsch, Französisch oder Englisch sowie eine kurze bio-bibliografische Angabe bis 30. November 2019 an :

Elisabeth.Kargl[at]univ-nantes.fr
Benedicte.Terrisse[at]univ-nantes.fr

Wissenschaftlicher Beirat

Bernard Banoun, Pr, Paris (Germanistik)
Maren Butte, Dr, Düsseldorf (Medienkulturanalyse)
Corinne Delmas, Pr, Nantes (Soziologie)
Yasmin Hoffmann, Pr, Montpellier (Germanistik)
Nicole Kandioler, Dr, Wien (Film- und Medienwissenschaft)
Georges Letissier, Pr. Nantes (Anglistik)
Christoph Reinprecht, Pr, Wien (Soziologie)

Bibliographie

Bal, Mieke, Travelling Concepts in the Humanities: A Rough Guide. Toronto, University of Toronto Press, 2002.
Cusset, François, French Theory. Foucault, Derrida, Deleuze & Cie et les mutations de la vie intellectuelle aux États-Unis, Paris, La Découverte, 2005.
Charpentier, Isabelle, « Les réceptions ‘ordinaires’ d’une écriture de la honte sociale : les lecteurs d’Annie Ernaux », Idées n°155 (mars 2009), p. 19-25.
Eribon, Didier, Michel Foucault : eine Biographie. Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1993.
Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Berlin, Suhrkamp, 2016.
Eribon, Didier, Gesellschaft als Urteil – Klassen, Identitäten, Wege. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Berlin, Suhrkamp, 2017.
Eribon, Didier, Der Pyschoanalyse entkommen. Aus dem Französischen von Brita Pohl, Wien, Turia + Kant, 2017.
Eribon, Didier, Grundlagen eines kritischen Denkens. Aus dem Französischen von Oliver Precht, Wien, Turia + Kant, 2018.
Felsch, Philipp, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2016.
Hamm, Claudia, « Oh man. Annie Ernaux und Didier Eribon lesen », Merkur 72 (Februar 2018) 825, S. 63-69.
Jaquet, Chantal, Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann. Mit einem Nachwort von Carlos Spoerhase, Paderborn, Konstanz University Press, 2018.
Leibovici Martine, « Le Verstehen narratif du transfuge. Incursions chez Richard Wright, Albert Memmi et Assia Djebar », Tumultes 2011/1 (n° 36), p. 91-109. DOI : 10.3917/tumu.036.0091. URL : https://www.cairn.info/revue-tumultes-2011-1-page-91.htm
Linck, Dirck, « Die Politisierung der Scham. Didier Eribons Rückkehr nach Reims », Merkur 70 (sept. 2016) 808, S. 34-47.
Lüsebrink, Hans-Jürgen, „Kulturtransfer und Übersetzung. Theoretische Konfigurationen und Fallbeispiele (aus dem Bereich des Theaters)“, in E. Mengel, L. Schnauder, R. Weiss (eds.), Weltbühne Wien – World Stage Vienna (Approaches to Cultural Transfer 1, Trier), 2010, p. 21-35.
Oelze, Sabine, « Guez, Houellebecq, Eribon : Franzosen als Welterklärer der Deutschen », Deutsche Welle, 17.08.2018, https://p.dw.com/p/33DST, consulté le 24 février 2019.
Paul, Morten, « Theorieübersetzungen. Die frühen Bücher Jacques Derridas im Suhrkamp Verlag », Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 43 (Jun 2018) 1, S. 198-233.
Prager, Katharina, « Der Biograph des antibiographischen Feldes : Didier Eribons Rückkehr nach Reims », Le foucaldien 4 (2018) 1 : 2, 1–16. DOI: https://doi.org/10.16995/lefou.35
Spoerhase, Carlos, « Politik der Form. Autosoziobiographie als Gesellschaftsanalyse », Merkur 71 (Juli 2017) 818, 27-37.
Spoerhase, Carlos, « Une politique de la forme littéraire : l’auto-sociobiographie comme analyse de la société », Philonsorbonne [En ligne], 13 | 2019, mis en ligne le 07 février 2019, consulté le 29 mars 2019. URL : http://journals.openedition.org/philonsorbonne/1273 ; DOI : 10.4000/philonsorbonne.1273
Thomä, Dieter / Kaufmann, Vincent / Schmid, Ulrich, Der Einfall des Lebens. Theorie als geheime Autobiographie, München, Carl Hanser Verlag, 2015.
Walther, Rudolf, « Vom Feuilleton verwurstet. Der französische Soziologe Didier Eribon wird als Welterklärer missverstanden – und seine Autobiografie für Wahlanalysen missbraucht. », TAZ, 21.02. 2017, http://www.taz.de/!5382418/, zuletzt abgerufen am 24. Februar 2019.

Beitrag von: Bénédicte TERRISSE

Redaktion: Christoph Behrens