Stadt: Innsbruck (Österreich)

Frist: 2019-11-30

Beginn: 2020-05-06

Ende: 2020-05-08

URL: https://www.uibk.ac.at/congress/entangled-histories-and-voices/index.html.fr

Im Rahmen einer zunehmend transnationalen Ausrichtung der Geschichtswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten entstand eine Reihe von Konzepten, die auch für die Literatur- und Kulturwissenschaften fruchtbar gemacht wurden. Neben der ‚transfer history‘ und den ‚histoires croisées‘ erscheint uns besonders das Konzept der von Shalini Randeria und Sebastian Conrad begründeten ‚entangled history‘ relevant, das im Rahmen der Tagung auf Beispiele der Populärmusik in den romanischen Ländern bzw. in ehemals von diesen kolonisierten oder besetzten Gebieten angewandt werden soll.

Ein zentrales Anliegen der Tagung ist es, danach zu fragen, wie Popular Music transnationale Verflechtungsgeschichte(n) ‘erzählt’, textlich und musikalisch gestaltet oder auch hinterfragt. Geschichte wird dabei mit Shalini Randeria gesehen als „komplexes Geflecht von ‚geteilten Geschichten’“ (1999, 17), als Geschichte des Austauschs und der Interaktionen. Kolonialgeschichten werden unter Rückgriff auf postkoloniale Theorien neu perspektiviert und als komplexe Verflechtungen mit mehrdirektionalen Transferprozessen gelesen.

Wir möchten das Konzept der ‚entangled histories‘ an unterschiedliche Genres und Stile populärer Musik in den Sprachräumen der Romania (vom Autorenlied zum Schlager, von textbasierter Musik für Kino und Fernsehen zum Musical, vom Rock, Pop, Punk, oder Rap zur World Music) herantragen und danach fragen, wie sich (post)koloniale Begegnungen (‚encounters‘) darin manifestieren. ‘Encounter’ kann dabei verstanden werden als konkrete, persönliche Begegnung von Musiker*innen, die deren jeweilige Lesart von Geschichte und Vergangenheit beeinflusst, aber auch objektbezogen als Begegnung gelesen werden, die sich in Form von Instrumentierung, Sounds, Stimme etc. materialisiert. Begegnungen ergeben sich aus räumlichen Bewegungen und Reisen, basieren auf (konstruktiver ebenso wie konflikthafter) Dialogizität und provozieren wechselseitige Einflussnahmen (z.B. intervocality of hooks). Oftmals handelt es sich aber auch nur um imaginierte Begegnungen, die sich durch die Evokation ‘fremder’ Stimmen und Klänge als Soundeffects ergeben. Stimmen können hier als materialisierte Anwesenheiten, als Resonanzen und Verkörperungen, aber auch als Metapher für soziale und politische Agency interpretiert werden.

Wenngleich die Tagung interdisziplinär ausgerichtet ist und multimodalen Analysen den Vorzug geben möchte, sind sowohl stärker textzentrierte Zugänge als auch stärker musikzentrierte Zugänge möglich und selbstverständlich auch kulturwissenschaftliche Ansätze. Über den engeren Fokus der Tagung hinaus (i.e. Populärmusik der romanischen Ländern oder in ehemals von Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal kolonisierten bzw. besetzten Ländern) sind auch einschlägige Beiträge zur Populärmusik aus anderen sprachlichen Kontexten (bspw. Wolof in Senegal oder Amharic in Äthiopien) willkommen.

Als Anregung für Themenstellungen aus all diesen Bereichen können u.a. die folgenden Leitgedanken dienen:

  • Welche Arten von Einflüssen und Rückbezügen lassen sich auf Ebene der Populärmusik zwischen romanischen Ländern und deren ehemaligen kolonialen Einflussgebieten fest-stellen? Beispielsweise: im Text aufscheinende Themen, Motive, Denkfiguren, Stilfiguren; musikalische Gattungen und Stile; intervocality of hooks; die Materialität von Sound und Stimme als kulturelles Gedächtnis; biographische ‘Kreuzungen’ und Schnittstellen.
  • Wie erfolgt auf der Ebene des Textes eine Auseinandersetzung mit kolonialer und post-kolonialer Geschichte, wie werden Phänomene der Gegenwart wie Rassismus rückgebunden an den Kolonialismus?
  • Welche Rolle spielt die koloniale Geschichte für westliche Imaginationen von Afrika, für die Idee von Blackness und Alterität? Wie werden Stereotype und ethnische Charakterisierungen in der Populärmusik in Szene gesetzt?
  • Wie werden Archive (Sound-Archive, aber auch Archive von Popular Music), die ein koloniales Erbe (auf)bewahren, in zeitgenössischen Kontexten verankert?
  • Wie nehmen globalisierte Musikstile wie Reggae, Hip-Hop oder Worldmusic auf umkämpfte Bereiche der Geschichte und Geschichtsschreibung Bezug (aus der Perspektive europäischer Künstler*innen, aber auch aus postkolonialer Perspektive)?
  • Wie wird durch das gesungene Wort im Sinne einer künstlerischen Praxis, die auf besondere Weise mit Stimme, Sound und Text umgeht, in verschiedenen Gebieten der Welt (von Addis Abeba zu den Flüchtlingslagern Italiens oder Frankreichs) ein musikalisches ‘entanglement’ transnationaler Agencies hergestellt?
  • Welche Rolle spielen ‘entangled histories’ der Populärmusik im Kontext der aktuellen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen?

Wir bitten um Übersendung von Vortragstiteln und etwa halbseitigen (ca. 300 Wörter umfassenden) Abstracts bis spätestens 30. November 2019 an eine der unten stehenden Mailadressen. Tagungssprachen sind Italienisch, Französisch und Spanisch; möglich sind auch Portugiesisch und Englisch.

Es freut uns sehr, Iain Chambers (Neapel) als Keynote Speaker sowie die Autorin und Sängerin Gabriella Ghermandi (Bologna/Addis Abeba) für eine Performance Lecture bei uns begrüßen zu dürfen. Die Tagung findet in Verbindung mit dem Forschungsprojekt „Ethiopian-Italian Relationships in Popular Music“ statt, das seit Juni 2019 am Archiv für Textmusikforschung der Universität Innsbruck angesiedelt ist (http://www.afrovocality.com/), und stellt sich in die Reihe der Kooperationen des Archivs mit dem Forschungsnetzwerk „Les Ondes du Monde“ (https://www.lesondesdumonde.fr/).

Das Organisationsteam:
Gianpaolo Chiriacò (giovanni.chiriaco@uibk.ac.at)
Gerhild Fuchs (gerhild.fuchs@uibk.ac.at)
Birgit Mertz-Baumgartner (birgit.mertz-baumgartner@uibk.ac.at)
Institut für Romanistik, Archiv für Textmusikforschung
Universität Innsbruck, Austria

Beitrag von: Gerhild Fuchs

Redaktion: Christoph Behrens