Stadt: Wien (Österreich)

Frist: 2019-12-31

Beginn: 2020-09-23

Ende: 2020-09-26

URL: http://francoromanistes.de/frankoromanistentag/wien-2020/

Beiträge gesucht für deutsch-französische Sektion auf dem Frankoromanistentag 2020 in Wien (version française ci-dessous)

Die Berufung auf Erfahrung bzw. Erfahrungswissen (lat. experientia, frz. expérience, engl. experience) hat in Philosophie, Wissenschaft, aber auch Literatur eine lange Tradition (Veneziani 2002; Esposito/Porro 2004; Fidora/Lutz-Bachmann 2009). Schon bei Aristoteles zeigen sich dabei zwei Aspekte von Erfahrung: zum einen Erfahrung im Sinne eines alltagspraktischen Wissens, eines knowing how, das nicht aus Büchern, sondern in der Praxis des täglichen Lebens und Tuns erworben wird und eng mit jener Handlungsklugheit (phronesis, lat. prudentia) verbunden ist, die laut Aristoteles einen guten Arzt ebenso auszeichnet wie einen guten Staatsmann, Heerführer oder Haushälter. Zum anderen verhandelt Aristoteles die (Sinnes-)Erfahrung (empeiria) aber auch als genuine Basis der Wissenschaften (s. Analytica posteriora II,19).
Durch das gesamte Mittelalter hindurch verbanden sich mit dem Begriff experientia (bzw. experimentum) beide Aspekte (Röckelein 2012). Erst in der Frühen Neuzeit scheint die Kategorie der Erfahrung dann an einen Scheideweg zu gelangen, wenn sich im Zuge eines aufstrebenden Beobachtungswissens (observatio) ein Konzept von empirischem Wissen herausbildet, das sich zunehmend von alltäglicher, lebenspraktischer Erfahrung abgrenzt und, im Kontext der sich herausbildenden Naturwissenschaften, eine eigene begriffsgeschichtliche Karriere ansteuert (Pomata 2011). Die handlungslogisch fundierte experientia (bzw. expérience) verlor damit aber keineswegs an Bedeutung, im Gegenteil, hatte sie doch ihrerseits im Humanismus in der Nachfolge Petrarcas eine deutliche Aufwertung erfahren und wirkte in diesem Sinne, nicht zuletzt in den Ethiken von gentiluomo und honnête homme, bis weit ins 17. Jahrhundert und darüber hinaus fort. In der gesamten Tradition seit der Antike zeigt sich im Übrigen die Vorstellung, dass experientia keineswegs nur im eigenen Erleben, sondern auch durch Erfahrungen anderer, ja sogar durch die Lektüre kanonischer Texte und auctores (z.B. in Form von Exempla und Anekdoten) erworben werden kann. Vor diesem Hintergrund ist das seit der Antike mit dem Lob der Erfahrung verbundene Lob des praktischen Wissens, das sich polemisch abgrenzt vom ‚bloßen Bücherwissen‘, seinerseits als Topos (im Sinne einer rekurrenten literarischen Figur) zu erkennen und kritisch zu reflektieren.
Während die jüngere Wissenschaftsgeschichte vornehmlich den für die Ausbildung der modernen Wissenschaften so zentralen zweiten, mit Beobachtungswissen assoziierten Begriff fokussiert hat (Dear 2006, Daston/Lunbeck 2011), hat die Frage, was nach der begrifflichen Ausdifferenzierung aus experientia im Sinne eines lebenspraktischen knowing how geworden ist bzw. welche Rolle und Funktion ihr noch zukommt, in der Forschung deutlich weniger Beachtung gefunden. Dass die Idee der alltagspraktischen Erfahrung aber keineswegs aus der Diskussion verschwindet, davon zeugt nicht nur Montaignes vieldiskutierter Essay „De l’expérience“ (III, 13), in dem sich zudem die Schnittstellen zum medizinischen Diskurs sowie die Betonung der spezifisch eigenen Erfahrung manifestieren (Montaigne spricht von „l’expérience […] que nous avons de nous mesme“).
Auffällig ist insbesondere, wie sehr gerade schreibende Frauen, vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, regelmäßig auf die Kategorie der Erfahrung rekurrieren, sei es um ihre Argumente zu untermauern, ihre Expertise auf dem jeweiligen Gebiet zu demonstrieren oder aber überhaupt die Tatsache ihres Schreibens zu rechtfertigen. Die (eigene) Erfahrung gehört offenbar zu den legitimen Domänen weiblichen Wissens, auf die sich Frauen auch dann berufen können, wenn ihnen der Zugang zu Büchern und Bildung verwehrt ist. Gerade das strukturelle ‚Problem‘ des Erfahrungswissens – die Tatsache, dass es nicht ohne Weiteres vom Erfahrungssubjekt ablösbar, nicht ohne Verluste vermittelbar ist (Schaefer 2019) – scheint für die femmes de lettres eine Chance zu bieten, denn ihre Erfahrung kann ihnen niemand nehmen, sie ist ihr Eigen. Entsprechend stützt sich schon Christine de Pizan in ihrer Argumentation gegen die misogynen Positionen zeitgenössischer Autoren auf ihre eigene Erfahrung als Frau. In der aufklärerischen Pädagogik der Madame d’Épinay schließlich trifft der lebenspraktische expérience-Begriff erneut mit dem beobachtungsbasierten zusammen, z.B. wenn in den Conversations d’Émilie (1782) ein Teil der pädagogischen Lektionen für die Tochter im Lernen aus Alltagserfahrungen besteht, ein anderer hingegen aus von der Mutter für die Tochter arrangierten ‚Experimenten‘, etwa zum physikalischen Verhalten von Wasser.
Die Sektion ist interdisziplinär (literaturwissenschaftlich und wissensgeschichtlich) angelegt und untersucht die Rekurse auf Erfahrung und Erfahrungswissen in französischen Texten der Frühen Neuzeit in ihrer Vielfalt. Sie richtet den Blick gezielt auf die potenziell fortwirkenden Verflechtungen, Schnittstellen und Kreuzungspunkte der beiden genannten Begriffe von expérience.
Mögliche Fragen lauten: Inwiefern leben neben, aber auch in dem jüngeren Konzept empirischen Wissens Aspekte des traditionellen experientia-Begriffs fort? In welchen Texten, etwa im medizinischen Diskurs des 17. Jahrhunderts, zeichnet sich die Trennung der beiden Begriffe ab? Wie ist der Rekurs auf die Kategorie der Erfahrung jeweils für die Argumentation funktionalisiert? Inwiefern bildet gerade die écriture féminine ein Feld, in dem der Rekurs auf die lebenspraktische Erfahrung eine kontinuierlich wichtige Rolle spielt, und ab wann hält der jüngere, mit observation verbundene expérience-Begriff Einzug in das weibliche Schreiben? Welche Rolle spielt es für weibliche wie männliche Autoren, dass Erfahrung ein elusives, nicht ohne Weiteres diskursivierbares Wissen ist: Wo zeigen sich die Grenzen der Vermittelbarkeit von Erfahrung, wo werden sie (gezielt) überspielt? Genauer zu beleuchten ist auch der carrefour von Erfahrungs- und Bücherwissen, an dem sich deutlich das Paradox einer Theorie der Praxis (i.e. der praktischen Erfahrung) abzeichnet, die in ihrer eigenen Praxis dem Bücherwissen weit mehr verpflichtet ist, als sie nach außen zuzugeben bereit ist.
Vorschläge für Beiträge (max. 300 Wörter), vorzugsweise in deutscher oder französischer Sprache, werden bis 31.12.2019 erbeten an: Isabelle Fellner (isafellner@zedat.fu-berlin.de), Christina Schaefer (christina.schaefer@fu-berlin.de).

Dans la philosophie comme dans les sciences et la littérature, le fait de se référer à la catégorie de l’expérience (lat. experientia, angl. experience) et au savoir empirique s’incrit dans une longue tradition (Veneziani 2002 ; Esposito/Porro 2004 ; Fidora/Lutz-Bachmann 2009). Or, chez Aristote déjà, deux aspects différents de l’expérience s’observent. On trouve, d’une part, l’expérience dans le sens d’un savoir-faire qui ne s’acquiert pas à travers la lecture des livres, mais dans la pratique de la vie quotidienne. L’expérience est ici étroitement liée à la prudence (gr. phronesis, lat. prudentia), qui, d’après Aristote, représente un critère déterminant des professions pratiques comme par exemple celles de médecin, d’homme d’état, de chef d’armée ou de chef de famille. D’autre part, Aristote pose également le savoir empirique (i.e. sensuel) (empeiria) comme fondement originaire des sciences (voir Analytica posteriora II,19).
Tout au long du Moyen Âge, ces deux aspects étaient par ailleurs associés à la notion d’experientia (qui était alors synonyme d’experimentum) (Röckelein 2012). Ce n’est qu’avec l’avènement de l’époque moderne, qu’une distinction de plus en plus nette des deux connotations mentionnées s’est dessinée. Dans le contexte d’une fascination nouvelle des sciences pour une connaissance empirique, qui se définit comme « observation » (observatio), la catégorie de l’expérience semble alors parvenir à un carrefour : se distinguant de plus en plus du (classique) savoir-faire pratique et quotidien, le savoir empirique dit « d’observation » entame une carrière indépendante dans l’histoire des idées (Pomata 2011). Or, contrairement à ce que l’on pourrait penser, la vieille notion de l’expérience fondée sur la pratique et la logique de l’action n’en a pas pour autant perdu sa signification : l’expérience dans le sens d’un savoir-faire pratique a même connu une forte revalorisation parmi les humanistes à la suite de Pétrarque. Elle continua à exercer son influence jusqu’au 17e siècle (et au-delà), entre autres dans la formation des éthiques du gentiluomo et de l’honnête homme.
On constate d’ailleurs que, depuis ses origines grecques, le concept d’experientia ne se limite pas à l’expérience strictement « personnelle », c’est-à-dire à ce qui est vécu et connu par un individu lui-même : l’expérience peut s’acquérir également à travers l’expérience des autres, voire à travers la lecture des textes canoniques (où elle peut prendre la forme d’exemplum ou d’anecdote, p.ex.). Dans ce cadre, l’éloge de la pratique qui, depuis l’Antiquité, est liée à l’éloge de l’expérience et se démarque de la pure connaissance livresque, doit être reconnue et étudiée de façon critique comme étant elle-même une figure littéraire.
Si l’histoire des sciences récente s’est beaucoup intéressée à la notion d’expérience associée à l’observation, qui a joué un rôle crucial dans la formation des sciences modernes (Dear 2006, Daston/Lunbeck 2011), il reste à mettre en lumières ce qui est advenu de la notion d’expérience dans le sens d’un savoir-faire ou knowing how pratique à la suite de la différenciation conceptuelle des deux termes. Le rôle précis qu’elle jouait (ou continuait de jouer) à l’époque moderne a été plutôt négligé par la recherche – à l’exception du cas de Montaigne, qui montre bien que l’idée de l’expérience pratique n’a pas du tout perdu son intérêt. Dans l’essai tant commenté « De l’expérience » (III, 13), elle entre non seulement en contact avec le discours médical, mais s’élabore également en tant qu’expérience proprement personnelle (Montaigne parle de « l’expérience […] que nous avons de nous mesme »).
En outre, il est frappant de constater à quel point les femmes de lettres du Moyen Âge jusqu’au 18e siècle s’appuient sur la notion d’expérience : soit pour fonder leur argumentation (en se référant à « ce que l’on sait par expérience »), soit pour démontrer leur expertise personnelle dans la matière qu’elles traitent, soit pour justifier le simple fait de se consacrer à l’écriture. L’expérience (personnelle) semble être un domaine de savoir auquel les femmes peuvent légitimement faire référence, un savoir propre duquel elles peuvent en outre également se prévaloir, quand l’accès aux livres et à l’éducation leur est refusé. Pour les femmes, le problème intrinsèque de l’expérience – c’est-à-dire le fait qu’elle ne soit pas dissociable aisément du sujet et transférable sans pertes (Schaefer 2019) – semble constituer une chance : leur expérience leur appartient, personne ne peut la leur enlever. C’est ainsi que Christine de Pizan déjà s’appuie sur sa propre expérience en tant que femme dans son attaque contre la misogynie de ses contemporains. Au 18e siècle, Madame d’Épinay a, par contre, autant recours à l’expérience en tant que savoir-faire quotidien qu’au savoir empirique, issu de l’observation : elle les rassemble dans un même programme pédagogique inspiré des Lumières quand, dans les Conversations d’Émilie (1782), une partie des leçons de la jeune fille consiste en l’analyse d’expériences quotidiennes, tandis qu’une autre porte sur de petites expériences « scientifiques » arrangées par la mère pour sa fille, par exemple sur le comportement thermique de l’eau.
Cette section se veut interdisciplinaire (ancrée aussi bien dans le domaine des lettres que dans celui de l’histoire de la connaissance) et se consacre aux références à l’expérience dans leur pluralité dans des textes français de l’époque moderne. Partant des deux notions précitées de l’expérience, elle cible plus particulièrement leurs modes d’interdépendance, de jonction et de croisement.
Voici une liste non exhaustive des questions que l’on pourrait envisager dans ce contexte : comment la notion traditionnelle de l’expérience persiste-t-elle à côté de, mais aussi à travers le concept plus jeune de la connaissance par l’observation ? Quels textes, par exemple issus du discours médical du 17e siècle, témoignent de la séparation des deux notions ? Quelle fonction précise est attribuée à la catégorie de l’expérience dans l’argumentation d’un texte donné ? Dans quelle mesure l’écriture féminine est-elle un domaine où le recours à l’expérience pratique de la vie quotidienne continue, à travers les siècles, à jouer un rôle important ? À quel moment la notion plus récente de l’expérience issue de l’observation fait-elle son entrée dans l’écriture féminine ? Quelle importance le fait que l’expérience soit un savoir élusif, i.e. non transférable (en mots, en discours) sans pertes, a-t-il pour les auteurs et autrices ? à quel endroit les limites du transfert deviennent-elles manifestes dans un texte donné ? où sont-elles (délibérément) dissimulées ? Un autre aspect à examiner de plus près est celui du carrefour entre le savoir-faire pratique de l’expérience et le savoir des livres et des auteurs reconnus, puisque c’est ici que le paradoxe d’une théorie de la pratique (ou, plus précisément, de l’expérience pratique), qui, dans sa propre pratique, dépend beaucoup plus d’un savoir livresque qu’elle ne veut l’admettre, devient tangible.
Veuillez envoyer votre proposition (300 mots max., de préférence en français ou en allemand) avant le 31 décembre 2019 à Isabelle Fellner (isafellner@zedat.fu-berlin.de), Christina Schaefer (christina.schaefer@fu-berlin.de).

Literaturverzeichnis/Bibliographie:

  • Daston, Lorraine/Lunbeck, Elizabeth, Hg. (2011), Histories of Scientific Observation, Chicago: University of Chicago Press.
    Dear, Peter (2006), „The Meanings of Experience“, in: The Cambridge History of Science 3: Early Modern Science, hg. von Katharine Park und Lorraine Daston, Cambridge: 106–131.
  • Esposito, Costantino/Pasquale Porro, Hg. (2004), L’esperienza/L’expérience/Die Erfahrung/Experience, special issue Quaestio: annuario di storia della metafisica 4.
  • Fidora, Alexander/Lutz-Bachmann, Matthias, Hg. (2009), Erfahrung und Beweis. Die Wissenschaften von der Natur im 13. und 14. Jahrhundert: Experience and Demonstration. The Sciences of Nature in the 13th and 14th Centuries, München: Oldenbourg Akademieverlag.
  • Pomata, Gianna (2011), „Observation Rising: Birth of an Epistemic Genre, 1500–1650“, in: Histories of Scientific Observation, hg. von Lorraine Daston und Elizabeth Lunbeck, Chicago/London: University of Chicago Press, 45–80.
  • Röckelein, Hedwig Hg. (2012), Experten der Vormoderne zwischen Wissen und Erfahrung (= Das Mittelalter 17,2), Berlin: Akad.-Verlag.
  • Schaefer, Christina (2019), „Esperienza. Zur Diskursivierung von Erfahrungswissen in Leon Battista Albertis Libri della famiglia“, Working Paper No. 15/2019 des SFB 980 Episteme in Bewegung, Freie Universität Berlin, ISSN 2199 – 2878: http://www.sfb-episteme.de/Listen_Read_Watch/Working-Papers/No_15_Schaefer_Esperienza/Working-Paper-Nr_-15_Schaefer.pdf
  • Veneziani, Marco Hg. (2002), Experientia: X colloquio internazionale, Roma, 4–6 gennaio 2001. Atti, Firenze, Olschki.

Beitrag von: Christina Schaefer

Redaktion: Christoph Behrens