Stadt: Heidelberg

Frist: 2021-01-10

Beginn: 2021-12-09

Ende: 2021-12-11

URL: http://leopardi-gesellschaft.de/aktuelles/

Leopardi–Tage 2021
Tagung der Deutschen Leopardi-Gesellschaft am Romanischen Seminar der Universität Heidelberg – 9.-11. Dezember 2021
«O natura, o natura» – Leopardis Dichten und Denken der Natur

Die Natur fordert den Menschen seit jeher heraus. Doch seit der Romantik gewinnt die Beschäftigung mit der Natur zunehmend an Bedeutung und gerade heute ist sie von immenser Aktualität. Dies zeigt nicht nur die sich seit dem 19. Jahrhundert herausbildende Hegemonie der Naturwissenschaften, sondern auch das derzeit beständig wachsende Interesse der Geistes- und Kulturwissenschaften an der Natur. Dieses findet etwa in der Lebenswissenschaft bergsonscher
Prägung und in jüngeren Disziplinen wie dem Eco Criticism und den Animal Studies seinen Niederschlag, um nur diese prominenten Beispiele zu nennen.

Was heißt aber Natur? Vom Lateinischen nasci abgeleitet, bezeichnet natura «das, was hervorbringt, generiert». Es bezeichnet allgemein also das nicht vom Menschen Geschaffene. Es umfasst die belebte und unbelebte Natur in gleicher Weise wie Naturerscheinungen, die sich dem Einfluss des Menschen entziehen. Als dem vom Menschen nicht Geschaffenen steht der Natur somit die durch den Menschen gestaltete, dauerhaft und zumeist unverkennbar geprägte Kulturlandschaft, ja Kultur überhaupt gegenüber. ‹Natürlichkeit› als Eigenschaft der Natur kann aber auch vom Menschen imitiert, wenn auch nicht ohne Weiteres erreicht werden. Die Natur weist dabei nicht nur einen Bezug zum Leben auf; vielmehr erscheint Natur überhaupt als Voraussetzung oder Grund für jede Form von Existenz. Zudem meint die Natur das Wesen; sie bedeutet demnach die Beschaffenheit der Dinge, ihre physis (so entspricht auch dem lateinischen natura das altgriechische Wort physis), und auch das Wesen des Menschen. Dem widmen sich zum Einen die Naturwissenschaften, wie etwa die Physik, die Biologie, Chemie, Geologie und Anatomie, und zum Anderen die Naturphilosophie, die Metaphysik und Anthropologie, ja die Moralistik als eine ‹negative Anthropologie›.

All diese Momente des vielfältigen Natur-Begriffs reflektiert auch Leopardi in seinem Werk in Vers und Prosa. Denn den Ausgangspunkt seines stets kritischen pensiero poetante (Antonio Prete) als eines unbezwingbar skeptischen Denkens, das einen einseitigen Kult der Vernunft ebenso in Frage stellt wie das ‹romantische Dichten› seiner Zeit, bildet die schonungslose Ergründung des Wesens der Dinge und der Existenz des Menschen im Wissen um Kontingenz und Grundlosigkeit. Eben dieser Gestus, der Natur des Zufalls wie auch der Zufälligkeit der Natur entgegenzutreten, bedingt die Originalität und Aktualität seines Werkes. In der unauflöslichen Verschränkung von poesia (und d.h. für Leopardi immer auch filosofia) und natura als einer überreichen und doch begrenzten ‹Vernunft›, einer ‹Kraft› zwischen ‹Ordnung› und ‹Störung›, ‹Gut› und ‹Böse› zeigt sich die ‹Lebendigkeit› von Leopardis dichterischem Denken, das in der Tat pensiero vivente (Roberto Esposito) ist: «©he epiteto dare a quella ragione e potenza [i.e. la natura che include il male nell’ordine, che fonda l’ordine nel male? Il disordine varrebbe assai meglio: esso è vario, mutabile; se oggi v’è del male, domani vi potrà esser del bene, esser tutto bene. Ma che sperare quando il male è ordinario? dico, in un ordine ove il male è essenziale?» (Zib. 4511).

Solche Überlegungen des Zibaldone werden von höchst ambivalenten Benennungen und Apostrophen der Natur in der Dichtung Leopardis begleitet; so ist u.a. von der «saggia natura», der «natura cortese», der «antica natura onnipossente» die Rede; und die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur kommt in der emphatischen Verdoppelung des klagenden Ausrufs «natura, natura» in A Silvia prägnant zum Ausdruck. Einen Höhepunkt findet die Erscheinung der Natur (in gewohnter genetisch-anzestraler Semantik) jedoch als vollkommen gleichgültige «madre spietata» in ihrer Personifikation und Prosopopoiie im Dialogo della Natura e di un Islandese der Operette morali. Über diese Evokationen der Natur hinaus finden sich im Werk Leopardis unzählige unbestimmte, ‹indefinite› ‹Naturbilder›, die immer wieder die gleichen ‹poetischen Zeichen› belebter Natur (augello, uccello, passero, gallinella, fera, greggia, überhaupt die Tiere als zur Empfindung fähige «parte essenzialmente souffrante dello universo» (Zib. 4133)) wie unbelebter Natur (etwa fiori, piante, erbe, boschi, selva, montagna, monte, colle, fiorita piaggia, selve odorate, mare, stelle, stelle dell’Orsa, luna, sole) aufweisen und die gleichen Naturerscheinungen (beispielsweise notte, giorno, dí, mattino, alba, sera, vento, pioggia, nubi, lampi, tuoni, tempesta) vor Augen führen, die im ‹existentialistischen Zeichen› der verheerenden Naturgewalt des Ausbruchs des Vesuv sowie der zurückbleibenden ‹Wüste› – und der ‹Wüstenblume› des Ginsters als der unerschöpflichen ‹Blume› der Dichtung («lenta ginestra») im spätesten Gedicht – gipfelt. Und in verwandelter Gestalt findet sich das Bild der ‹Wüstenblume› Leopardis etwa in Giuseppe Ungarettis Mimose wieder: Denn die Auseinandersetzung mit der paradoxen Frage nach der Unabschließbarkeit im Angesicht von Verwüstung und Tod bestimmt auch Ungarettis späte Dichtung im Zeichen des Fragmentarischen und der Variation – jener Frage, die zeichenhaft die alljährlich im Februar erblühende Mimose aufwirft: «Segno sarà che niuna cosa muore | Se ne ritorna sempre l’apparenza? | O saprò finalmente che la morte | Regno non ha che sopra l’apparenza?» (Ultimi cori per la terra promessa, 9). Dabei ist die vorherrschende, bewusste Unbestimmtheit der evozierten Natur – im Gegensatz zur nomenklatorischen Präzision der Naturlyrik Giovanni Pascolis noch im 19. Jahrhundert oder Andrea Zanzottos als eines zeitgenössischen Leopardi-Lesers – entscheidend, steht sie doch im Dienste der Imagination Leopardis und damit des ersehnten Unendlichen.

Diese Verbindung zwischen der Natur und dem Indefinito als einem integralen Bestandteil der Leopardischen Poetik impliziert zwei – ihrerseits zusammenhängende – weitere Fragenkomplexe, die sich mit Leopardis Dichten und Denken der Natur verknüpfen und zugleich in ihrem paradoxalen Gestus auf einen weiteren Aspekt des leopardischen Schaffens, seines untrennbaren poetare pensando und pensare poetando deuten: Zum Einen personifiziert Leopardi die Natur bekanntlich nicht nur in den Apostrophen der Canti, sondern auch, wie bereits angedeutet, in den Operette morali im zitierten Dialog zwischen der Natur und einem Isländer wie auch in jenem zwischen der Natur und einer menschlichen Seele, dem Dialogo della Natura e di un’Anima. Mit dieser Personifikation und folglich Anthropomorphisierung jedoch ist, wie auch bei anderen Sprecherinnen und Sprechern der Operette, etwa der Sonne in Il Copernico oder dem Mond in Dialogo della Terra e della Luna, eine entschiedene Kritik am Anthropozentrismus menschlicher Naturbetrachtung verbunden, die zu den vielfältigen Zuschreibungen an die Natur im Werk Leopardis in Relation zu setzen ist. Damit korreliert ist – zum Anderen – die Qualifizierung der Natur als madre versus matrigna oder als matrigna versus benigna, die in der Forschungsliteratur so gern für Rubrizierungen und Periodisierungen des leopardischen Werks herangezogen wird, um dessen Komplexität und Vieldeutigkeit zu reduzieren und so die Texte dank vermeintlich eindeutiger Zuordnungen handhabbarer zu machen oder doch scheinen zu lassen. Gerade bei einer textnahen und nicht von derartigen (Begriffs-)Grenzen geleiteten Lektüre erweisen sich nicht zuletzt die späten Texte als ungleich offener, als die Rubriken und Perioden vermuten lassen. In diesem Sinne könnte eine Neubetrachtung der Natur in ihren vielfältigen Implikationen in den unterschiedlichen Texten Leopardis – _ Canti_ und Operette morali, Zibaldone und Pensieri, aber auch Briefe, Abhandlungen, Übersetzungen etc. – durchaus zu neuen Blicken auf überkommene Thesen verhelfen und andere Fragestellungen wie etwa die nach dem Verhältnis von Natur und Landschaft im Werk Leopardis, aber auch im Vergleich etwa mit Petrarca als einem frühen ‹Entdecker› der Landschaft eröffnen.

Während die Landschaft in Gestalt der dörflichen Gegend und der die Dörfer umgebenden Felder (campi, villaggio) zur Erscheinung kommt, erscheint die leopardische Natur in zwei ausgezeichneten Weisen: zum Einen als ein Raum zwischen Bergen und Meer, wie er der Erfahrung von L’infinito zugrunde liegt; und zum Anderen in der Gestalt der bereits erwähnten Wüste, die in La ginestra zu ihrer Vollendung findet. Gegenüber der Vorstellung von der vom Menschen geprägten und besiedelten_ Landschaft_ impliziert der Begriff der Natur zunächst eine De-Anthropisierung, eine Tilgung menschlicher Existenz, und verleiht ihr damit auch ihre Erhabenheit. In diesem Zusammenhang kommt zugleich die von Leopardi vielfach reflektierte Einsamkeit als eine grundsätzliche Weise des Weltverhaltens ins Spiel. Dabei ist für Leopardi bereits die Vorstellung von der solitudine (wie beispielhaft der Bezeichnung ermo, die etwa den colle des berühmten ersten Verses von L’infinito und die terra in La vita solitaria bestimmt) poetisch (Zib. 2629). Der Bezug zu Petrarca und seiner Schrift De vita solitaria drängt sich auf: Wie bei Petrarca dem Betrachter die einsame Begegnung mit der Landschaft und der Natur zu einer produktiven Erfahrung des Selbst wird, zeichnet sich auch die leopardische Natur-Erfahrung essentiell nicht nur durch eine Steigerung der Rezeptivität des Bewusstseins aus, wie sie etwa der passero solitario des gleichnamigen Gedichts im Gleichnis – io solitario – erfahren lässt, der unter anderem in Petrarcas einsamem «Passer solitario» (RVF 226) und im «cantando vai» des «Vago augelletto» (RVF 352) Vor-Bilder und Vor-Sänger besitzt; vielmehr ist sie durch ihre Produktivität bestimmt, die die Imagination wiederaufleben lässt (risorgimento dell’immaginazione, Zib. 1550f.). So ist auch die vita solitaria nicht der Vergangenheit, nicht dem Blick zurück («Ahi, […] sconsolato, volgerommi indietro», Il passero solitario), nicht odio, noia und dolor («L’odio o la noia non sono affetti fecondi; poca eloquenza somministrano, e poco o niente poetica», Zib. 1550), sondern der Zukunft – und damit dem piacere in seiner ‹Zukünftigkeit› (Zib. 2629) – zugewandt: «Me spesso rivedrai solingo e mut | errar pe’ boschi e per le verdi rive, | o seder sovra l’erbe, assai contento | se core e lena a sospirar m’avanza» (La vita solitaria). Eben diese Zukünftigkeit gibt bereits der Begriff der Natur selbst zu verstehen: Gemäß ihrer Wortbedeutung projiziert die Natur sich geradezu in die Zukunft, und dies ins Unendliche: Sie ist reine generative Kraft, ja unendliches generatives Vermögen. Denn der Form nach ist das nomen actionis (zum Deponens nasci, nascor, natus sum) natura Partizip Futur Aktiv des Lateinischen, bezeichnet also ‹das, was im Begriff ist, hervorzubringen›.

Zentral ist für Leopardi in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Verhältnis von natura und poesia: die Natur ist der Grund der Dichtung, ja in Leopardis Verständnis kommt die Poesie nach der Natur: Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie die Natur als solche bloß nachahmte: «Il poeta non imita la natura: ben è vero che la natura parla dentro di lui e per la sua bocca. I’ mi son un che quando Natura parla, ec. vera definiz. del poeta» (Zib. 4372, mit einem Dante zitierenden Algarotti-Zitat). Vielmehr ist es der poesia, die im Wortsinne (von gr. poiein ) bekanntlich selbst ‹Schöpfung›, ‹schöpferische Kraft› ist, darum zu tun, durch die Imagination (gegenüber der bloßen Vernunft) noch die entlegensten Beziehungen, die «rapporti fra cose disparatissime» ( Zib. 1650) zu entdecken und zu erkennen und somit allererst Neues hervorzubringen. Genau dies tut aber die Wissenschaft von der Natur: «La scienza della natura non è che scienza di rapporti» (Zib. 1836). Wenn man also von Nachahmung der Natur durch die Dichtung sprechen wollte, dann nur von der Nachahmung des Tuns der Natur selbst, ihres eigenen modus operandi: generieren, hervorbringen – womit Leopardi auch fundamentale Einsichten Paul Valérys vorwegnimmt. Nur
hierin sind unsere Fähigkeiten (die Imagination und ein feines Sensorium) ‹im Einklang› mit dem Poetischen in der Natur selbst (vgl. Zib. 3242); wer die Natur verkennt, weiß nichts und vermag nicht zu denken (ragionare); wer aber das poetico della natura verkennt, verkennt die Natur selbst, verkennt er doch ihre Beschaffenheit, ihr Wesen (vgl. Zib. 1835). Und hier kommt auch die leopardische Vorstellung der ‹Benennung› durch die Metapher als Figur par excellence der Poesie ins Spiel: Die Schöpfungsmacht nach der Natur ist die der Imagination selbst, die das Unendliche hervorbringt, ist doch das Unendliche «parto» der Imagination, ja ist dessen Idee «figlia della nostra immaginazione» (Zib. 4177f.). «Finalmente la sola immaginazione ed il cuore, e le passioni stesse; o la ragione non altrimenti che colla loro efficace intervenzione, hanno scoperto e insegnato e confermato le più grandi, più generali, più sublimi, profonde, fondamentali, e più importanti verità filosofiche che si posseggano, e rivelato o dichiarato i più grandi, alti, intimi misteri che si conoscano, della natura e delle cose» (Zib. 3244f.).

Vortragsvorschläge sind willkommen und können bis zum 10. Januar 2021 der Präsidentin der Deutschen Leopardi Gesellschaft, Prof. Dr. Barbara Kuhn (barbara.kuhn@ku.de) eingesandt werden.

Dr. Giulia Agostini und Prof. Dr. Barbara Kuhn
Universität Heidelberg
giulia.agostini@rose.uni-heidelberg.de

Prof. Dr. Barbara Kuhn
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
barbara.kuhn@ku.de

Beitrag von: Chiara Savoldelli

Redaktion: Christoph Behrens