Stadt: Augsburg

Frist: 2020-12-31

Beginn: 2021-10-04

Ende: 2021-10-07

Sektionsleitung: Berit Callsen (Universität Osnabrück), Mariana Maia Simoni (Freie Universität Berlin), Jasmin Wrobel (Freie Universität Berlin)

Migrations- und Fluchtbewegungen werden u.a. durch akute Bedrohungsszenarien wie Kriege oder Verfolgung, wirtschaftlichen Notstand oder auch durch erzwungene Exilierung eingeleitet, wobei dem Körper zweifellos eine wichtige Funktion als Erfahrungsraum und Kommunikationsmedium zukommt.
Die Sektion möchte sich daher Grenzdiskursen und Grenzräumen sowie dem Dispositiv des migrierenden Körpers aus einer literatur-, kultur- und medienwissenschatlichen sowie intersektionalen Perspektive zuwenden, wobei die Frage nach den Modalitäten von Körperlichkeit im Zentrum unserer Auseinandersezung stehen soll.

Die Misshandlung und Ausbeutung von Körpern prägt die Geschichte der Seefahrer- und Handelsnationen der Romania, wobei die Aufarbeitung der im Zuge von Sklaverei und Kolonialismus begangenen Menschheitsverbrechen noch immer andauert und neue Formen der Aushandlung findet (s. Marcelo D’Saletes Graphic Novels Cumbe, 2014, und Angola Janga, 2017, sowie den Roman Le terroriste noir von Tierno Monénembo, 2012). Gegenwärtige Migrationsbewegungen und -routen in der Romania sind derweil noch immer in hohem Maße durch die Kolonialgeschichte beeinflusst und vorgeprägt.

Häufig sind Migrant*innen während des Wanderungsprozesses physischer Gewalt ausgesetzt. Insbesondere Frauenkörper sind von sexuellen Übergriffen bedroht oder werden als „mulas“ für Drogentransporte missbraucht und hochgradig gefährdet (z.B. in Joshua Marstons Film Maria Full of Grace, 2004). Auf beschwerlichen und zum Teil lebensgefährlichen Migrationsrouten sind Menschen Naturgewalten schutzlos ausgeliefert (s. z.B. Javier de Isusis Graphic Novel Asylum, 2017).

Ebenso lassen sich auf psychischer Ebene Formen und Folgen der Versehrtheit des migrierenden und migrierten Körpers ausmachen: Verlusterfahrungen, Adaptionsprozesse, Identitätskonflikte, Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus führen bei Migrant*innen häufig zu Belastungen, die sich in psychosomatischen Symptomen artikulieren. (vgl. Machleidt/Ermann 2013: 54) Dabei hat die klinische Forschung in der Ausprägung und subjektiven Wahrnehmung kulturspezifische Unterschiede festgestellt. So sind „idioms of distress“ als kulturell markierte Äußerungsformen für psychische Belastungen zu verstehen (vgl. ebd.: 71), die – oftmals auf metaphorischer Ebene – auf innere Befindlichkeiten Bezug nehmen. In literarischer Hinsicht wird dies z.B. thematisiert in Fawzia Zouaris Ce pays dont je meurs (1999).

Der Aspekt des „Fremden“, z.B. in dem von den Nationalsozialisten bemühten Bild des „Fremdkörpers“, das in der Gegenwart von rechtspolitischen Bewegungen auf unterschiedliche Weise wieder aufgegriffen wird, um Migrant*innen oder Menschen mit migratorischer Familiengeschichte zu stigmatisieren und auszugrenzen, enthält derweil auch ein produktives Irritationspotenzial: Als Abweichung von der Norm, als etwas „Anders-Artiges“ oder „Merk-Würdiges“ wird der „fremde Körper“ in Literatur und Kunst auch zur Entgegnung xenophober und rassistischer, aber auch sexistischer und homo/transphober Diskurse eingesetzt, so z.B. in der Chicana/o-Literatur (Gloria Anzaldúa) und der Performance-Kunst (Guillermo Gómez-Peña).

In lateinamerikanischen literarisch-künstlerischen und theoretischen Traditionen schließlich spielen die Begriffe der Transmigration und der Metamorphose eine wichtige Rolle, indem sie Bezug nehmen auf die Betonung des Körpers sowie auf das Schwanken der Grenzen zwischen Menschsein und Animalität. Hybride Werke, neben La chute du ciel (Kopenawa/Albert, 2010) oder Anzaldúas Borderlands (1987) z.B. auch solche der Fotografin Claudia Andujar und der Choreografin Lia Rodrigues, können die Verbindung von Transmigration und Metamorphose mit Ansätzen der Anthropozentrismus-Kritik, neuen anthropologischen Akzenten innerhalb der Literaturwissenschaft sowie den Animal Studies ermöglichen.

Um eine umfassende Behandlung des Zusammenhangs von Körperlichkeit, Migration und Grenzerfahrung zu gewährleisten, ist eine transtemporale Perspektive und eine breite mediale Betrachtung vorgesehen, die literarische Texte, Theater/Performance, Filme, Fotografie, graphische Narrative, Musik, bildende Kunst und/oder die sozialen Medien der gesamten Romania einschließt.

Sprachen der Sektion sind Deutsch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch.

Mögliche zu bearbeitende Themen:
· Körper, Grenze und Gender: Auflösung von Binaritäten, Abweichung von (heteronormativen) Normen, LGBTIQ*-Migration; Mechanismen des Othering
· Chicana/o literature und Performance-Kunst, border feminism; narcoliteratura; Latinx-Theater
· Migration und körperliche Gewalt; besondere Gefährdung von Frauenkörpern; Migration und Schwangerschaft
· Migration und disability
· Migration und Erinnerung/mémoire du corps; Migration als Kindheitstrauma
· Krankheit und Kultur, kulturspezifische Krankheitssymptome und -konzepte
· Körpersprachen, psychosomatische Erkrankungen im Migrationszusammenhang; psychosoziale Folgen von Integration
· Räume des migrantischen Körpers: Auffanglager, urbane Peripherien, Segregation
· Theoretische Körperkonzepte in der Romania; Transmigration und Metamorphose

Abstracts für Sektionsbeiträge (max. 300 Wörter) werden zusammen mit einer kurzen Bio-Bibliographie (max. 300 Wörter) bis zum 31. Dezember 2020 erbeten an: berit.callsen@uni-osnabrueck.de, m.simoni@fu-berlin.de, jasmin.wrobel@fu-berlin.de

Beitrag von: Berit Callsen

Redaktion: Christoph Behrens