Stadt: Augsburg

Frist: 2021-01-30

Beginn: 2021-10-04

Ende: 2021-10-07

Die Geschichte der romanischen Nationalsprachen in der Frühen Neuzeit ist wesentlich durch Prozesse der Rationalisierung und der zunehmenden Verbreitung von Schreib- und Lesefähigkeiten gekennzeichnet. Die Entstehung neuer Expertengruppen im Zusammenhang mit diesen gesellschaftlichen Prozessen ist bisher jedoch kaum bei der Analyse der Standardisierungsprozesse berücksichtigt worden. Unsere Sektion hat sich das Ziel gesetzt, den Einfluss von neuen Berufsgruppen beispielweise aus dem Bereich der staatlichen Administration, des Heers oder der Marine oder aus dem Bereich des Handels auf die sprachliche Entwicklung nachzuvollziehen und die Rolle der funktionalen Schriftlichkeit im Standardisierungsprozess genauer zu bestimmen.

Folgende Fragestellungen sind hierbei von Interesse:

  • Wie entwickeln sich Fachsprachen in den neuen Domänen der staatlichen Administration (z.B. Marine, Heer etc.), des sich langsam globalisierenden Handels, des Bankwesens oder der neuen technischen bzw. naturforschenden Funktionsbereiche und in welche Kommunikationsnetze sind sie eingebunden?
  • Welche semantisch-lexikalischen Neuerungen, welche syntaktischen und textuellen Innovationen bzw. Weiterführungen traditioneller Muster lassen sich in den fachsprachlichen Texten beobachten?
  • Welchen Beitrag leisten die fachsprachlichen Kommunikationsdomänen zu überregionalen sprachlichen Vereinheitlichungen, zu Normierungsbestrebungen und zur Verbreitung der Standardsprache?
  • Welche Rolle spielt die zunehmende Professionalisierung der Ausbildung bestimmter Berufsgruppen und deren Übernahme durch staatliche Institutionen in diesen Prozessen?
  • In welchem Verhältnis stehen die Entwicklungen im Bereich der funktionalen Schriftlichkeit zur literarisch-höfischen Kultur?
  • Inwiefern sind die Differenzen und Spannungen zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit relevant für die Entwicklung und in welchem Verhältnis stehen die Entwicklungen der funktionalen Schriftlichkeit zu dem Phänomen der semicolti bzw. der peu lettrés.
  • Welche Rolle spielt die „internationale Fachsprachlichkeit“ und die Übersetzungen von Fachtexten und Enzyklopädien?
  • Wie entwickeln sich traditionelle Fachsprachen (z.B. Jagd, Ackerbau, Fischerei) unter den Bedingungen der frühneuzeitlichen Kommunikations- und Ausbildungsstrukturen weiter?

Die skizzierten Fragen können nur auf der Basis einer umfassenden empirischen Dokumentation sinnvoll diskutiert werden. Auch der Kultur- und Sprachvergleich ist essenziell für eine angemessene Auseinandersetzungen mit den Fragestellungen. Deshalb laden wir dazu ein, Fallbeispiele aus der Romania der Zeit zwischen 1550 bis 1850 zu kontrastieren und die Ergebnisse für einen differenzierten Blick auf die frühneuzeitlichen bzw. vormodernen Standardisierungsprozesse zu nutzen. Auf diese Weise kann die Rolle des neuen Umgangs mit Wissen, der Stellenwert der Expertenkommunikation und der anwachsenden Schriftlichkeit in den kolonialen Imperien Spaniens und Frankreichs und der See- und Handelsmächte Italiens überprüft werden und mit den Entwicklungen in weiteren kleineren, in die Moderne hineinwachsenden Regionen der Romania kontrastiert werden.

Beiträge aus folgenden Disziplinen und Forschungsschwerpunkten sind willkommen: Fachsprachenforschung, historische Varietätenlinguistik, Translationswissenschaft, Ausbaukomparatistik, Standardisierungsforschung, Forschungen zur Sprachnormierung, Schriftlichkeit-Mündlichkeitsforschung, Medienlinguistik, historische Pragmatik und diskurstraditionelle Ansätze.

Die Sektion ist offen für Beiträge zu allen romanischen Sprachen. Abstracts (max. 400 Wörter exklusive Bibliographie) können bis zum 30. Januar 2021 bei den Sektionsleiterinnen (maria.selig@ur.de, laura.linzmeier@ur.de) eingereicht werden. Beitragssprachen sind alle romanischen Sprachen sowie Deutsch.

Auswahlbibliographie

Albrecht, Jörn/Baum, Richard (Hg.) (1992): Fachsprache und Terminologie in Geschichte und Gegenwart. Tübingen: Narr.
Brendecke, Arndt (2016): The Empirical Empire: Spanish Colonial Rule and the Politics of Knowledge. Oldenbourg: de Gruyter.
Brendecke, Arndt/Friedrich, Markus/Friedrich, Susanne (Hg.) (2008): Information in der Frühen Neuzeit. Status, Bestände, Strategien. Berlin: LIT-Verlag.
Cavagnoli, Stefania (1999): Die italienische Fachsprachenforschung im 20. Jahrhundert. In: Lothar Hoffmann et al. (Hg.): Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft. Berlin: de Gruyter, S. 1503–1513.
Cortelazzo, Michele A. (1988): Italienisch: Fachsprachen. Lingue speciali. In: Günter Holtus et al. (Hg.): Lexikon der Romanistischen Linguistik 4. Tübingen: Niemeyer, S. 246–255.
Dörr, Jan-Eric (2014): Grundlagen des Fachsprachenbegriffs. In: Klaus-Dieter Baumann et al. (Hg.): Fachstile. Systematische Ortung einer interdisziplinären Kategorie. Berlin: Frank & Timme, S. 27–45.
Flinzner, Katja (2006): Geschichte der technischen und naturwissenschaftlichen Fachsprachen in der Romania: Französisch/Histoire des langages techniques et scientifiques dans la Romania: français. In: Gerhard Ernst et al. (Hg.): Romanische Sprachgeschichte. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen. Berlin u.a.: de Gruyter, S. 2211–2226.
Giovanardi, Claudio (2006): Storia dei linguaggi tecnici e scientifici nella Romania: italiano – Geschichte der technischen und naturwissenschaftlichen Fachsprachen in der Romania: Italienisch. In: Gerhard Ernst et al. (Hg.): Romanische Sprachgeschichte. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen. Berlin u.a.: de Gruyter, S. 2197–2211.
Kalverkämper, Hartwig (1988): Fachsprachen in der Romania. Tübingen: Narr.
Kalverkämper, Hartwig/Baumann, Klaus-Dieter (1996): Fachliche Textsorten: Komponenten, Relationen, Strategien. Tübingen: Narr.
Lebsanft, Franz/Schrott, Angela (2015): Diskurse, Texte, Traditionen: Modelle und Fachkulturen in der Diskussion. Modelle und Fachkulturen in der Diskussion, Göttingen: V&R Unipress, Bonn: University Press.
Lengersdorf, Diana/Wieser, Matthias (2014): Schlüsselwerke der Science & Technology Studies. Wiesbaden: Springer.
Martin Kronberger u.a. (Hg.) (2019): Thinking Infrastructures. Bingley: Emerald.
Mensching, Guido/Röntgen, Karl-Heinz (Hg.) (1995): Studien zu romanischen Fachtexten aus Mittelalter und früher Neuzeit. Hildesheim: Olms.
Pöckl, Wolfgang (1990): Französisch: Fachsprachen. Langues de spécialité. In: Günter Holtus et al. (Hg.): Lexikon der romanistischen Linguistik. Tübingen: Niemeyer (5,1), S. 267–282.
Raible, Wolfgang (1998): Medienwechsel: Erträge aus zwölf Jahren Forschung zum Thema “Mündlichkeit und Schriftlichkeit”; mit einem Namen- und einem umfangreichen Sachregister. Tübingen: Narr.
Sergo, Laura/Wienen, Ursula/Atayan, Vahram (Hg.) (2013): Fachsprache(n) in der Romania. Entwicklung, Verwendung, Übersetzung. Berlin: Frank & Timme.

Beitrag von: Laura Linzmeier

Redaktion: Christoph Behrens