Stadt: Augsburg

Frist: 2021-01-30

Beginn: 2021-10-04

Ende: 2021-10-07

URL: https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/forschung/tagungen-konferenzen/37-romanistentag-2020/

Sektionsleitung: Karoline Heyder (Flensburg) & Claudia Schlaak (Kassel) & Victoria del Valle (Paderborn)

Die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Entwicklungen in Deutschland werden seit Jahrzehnten verstärkt durch die europäischen Institutionen (Europäische Union, Europarat) mitgeprägt. Die Sprach- und Kulturpluralität, für die Europa steht, beschränkt sich heute nicht mehr darauf, dass Europa in seiner Gesamtheit durch seine Nationalstaaten mit einer oder mehreren spezifischen Nationalsprachen mehrsprachig ist, sondern sie ist durch zunehmende innereuropäische Mobilität auch länderübergreifend in den einzelnen Staaten zu einer Realität geworden. Auch in Deutschland ist die Gesellschaft immer stärker von Mehrsprachigkeit und Kulturpluralität geprägt. Die plurilingualen und kulturellen Gesellschaften bieten für alle Europäerinnen und Europäer Chancen, mit ihnen sind jedoch auch multiple Herausforderungen verbunden. So fällt es bestimmten Gruppen der Gesellschaften schwer, die Sprach und Kulturpluralität zu akzeptieren. Das Erstarken extrem nationalistischer und undemokratischer Kräfte in den Parteiensystemen und in den medialen Diskursen ist eine Folge davon. Die Sehnsucht nach einer vermeintlichen kulturellen Homogenität und das Bedienen von Sündenbock-Theorien führen vor allem in Krisenzeiten zu starken und für den inneren und äußeren Frieden gefährlichen gesellschaftlichen Polarisierungen. Die Thematisierung und Vermittlung von Toleranz, Offenheit und Akzeptanz sind wesentliche Grundwerte und stellen daher eine essentielle Aufgabe des Bildungs- und Schulsystems dar, die u. a. im Unterricht, gerade im Sprachunterricht und somit auch im Französisch-, Italienisch- und Spanischunterricht, Beachtung finden müssen. In diesem Kontext müssen für die Ausgestaltung des Fremdsprachenunterrichts sowohl länderübergreifende als auch länderspezifische Maßnahmen in Europa und in Deutschland getroffen werden.
Für den Unterricht der romanischen Sprachen in Deutschland liegt eine Vielzahl bildungspolitischer Vorgaben auf Bundes- und Länderebene vor, genannt seien hier die Bildungsstandards für die erste und zweite Fremdsprache, die Fachanforderungen und Kerncurricula sowie die Rahmenpläne der einzelnen Bundesländer. Die wahrscheinlich einflussreichste länderübergreifende Schrift für den Fremdsprachenunterricht ist der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR), der 2021 seinen 20. Geburtstag feiert. Ein Fremdsprachenunterricht ohne die Niveaustufen und Kompetenzbereiche des GeR ist in Deutschland heute nicht mehr denkbar. Die 2001 vom Europarat herausgegebene Schrift und die Ergänzungen hierzu haben sich grenzübergreifend verbreitet und eine Struktur geliefert, die den Fremdsprachenunterricht jenseits von Sprachen, Kulturen, Zielgruppen und Hintergründen vergleichbarer macht. Sowohl der GeR und dessen Ergänzungen als auch die curricularen Vorgaben auf bundesdeutscher Ebene lassen jedoch Fragen offen und scheinen den Herausforderungen einer plurilingualen und -kulturellen Gesellschaft nur z. T. gewachsen zu sein. Welche Entwicklungen lassen sich in den letzten 20 Jahren aus der Perspektive eines fremdsprachenaffinen Europa auf europäischer und nationaler Ebene festmachen? Wie müssen der GeR oder auch andere Richtlinien sowie Standards aus fachdidaktischer Sicht weiterentwickelt werden? Die Beurteilung von Fortschritten in einer Fremdsprache und die Vergleichbarkeit der verschiedenen europäischen Sprachzertifikate sind von großem Nutzen, aber ist dies wirklich noch der heutigen Zeit entsprechend? Wie können die Chancen, aber auch die Herausforderungen, die mit der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und -kulturalität in Europa verbunden sind, stärker in den Fokus genommen werden? Welche Rolle spielen überhaupt heute Europa und seine gesellschaftliche(n) Realität(en) im Schulsystem, in den einzelnen Fächern und für den romanischen Fremdsprachenunterricht?
In der Sektion sollen ausgehend von den Belangen des Fremdsprachenunterrichts (Französisch, Italienisch, Spanisch) sowohl aus der außerschulischen Perspektive als auch aus der binnenperspektivischen Unterrichtsbetrachtung folgende Leitfragen diskutiert werden: Aus der Außenperspektive: Was beeinflusst sprachenpolitisch und institutionell von europäischer Seite den Fremdsprachenunterricht und speziell den romanischen Fremdsprachenunterricht (GeR, Erasmus+ etc.)? Aus der Binnenperspektive: Wie werden welche soziokulturellen, historischen und literarästhetischen Inhalte von und über Europa im Fremdsprachenunterricht Französisch (FLE), Italienisch (ILS) und Spanisch (ELE) vermittelt? Welche Rolle spielen Bewertungssysteme bzw. Richtlinien zur Evaluierung von Fremdsprachenkenntnissen, wenn in einem kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht Toleranz, Offenheit und Akzeptanz wesentliche Grundwerte darstellen sollen? Folgende konkrete Forschungsfragen sollen daher in der Sektion diskutiert werden:
• Inwiefern ist eine Internationalisierung des romanischen Fremdsprachenunterrichts möglich und auch notwendig?
• Welche politischen Funktionen werden mit dem (romanischen) Fremdsprachenunterricht verbunden?
• Wie wirkt sich die Globalisierung auf den Fremdsprachenunterricht aus?
• Welche Rolle nimmt die Idee eines polyglotten und transkulturellen Europas im Fremdsprachenunterricht ein? Inwiefern wird die Mehrsprachigkeit beim Erwerb von Französisch, Spanisch und Italienisch genutzt?
• Wie können die einschlägigen curricularen Vorgaben und der GeR ergänzt werden, um den Herausforderungen eines plurilingualen und -kulturellen Europas gerechter zu werden?
• Welche Bedeutung haben Kultur, Literatur und ästhetische Bildung hinsichtlich des Themas „Europa“ im Fremdsprachenunterricht?
• Wie und wo ist die Idee von Europa im Fremdsprachenunterricht Französisch, Spanisch und Italienisch vorzufinden? Welche fächerübergreifenden und projektorientierten Ansätze werden verfolgt?
• Wie können technische Entwicklungen und Digitalisierung die Gestaltung eines europäischen Fremdsprachenunterrichts und das länderübergreifende Fremdsprachenlernen unterstützen?

Abstracts für Sektionsbeiträge (max. 400 Wörter exkl. Bibliographie) können bis zum 30. Januar 2021 eingereicht werden (Karoline.Heyder@uni-flensburg.de; victoria.del.valle@uni-paderborn.de; claudia.schlaak@uni-kassel.de). Beitragssprachen sind alle romanischen Sprachen sowie Deutsch und Englisch.

Ausgewählte Literaturhinweise:
Christ, Ingeborg (2005): “Die Bedeutung des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für das Fremdsprachenlernen”. In: Französisch heute 36, 292-304.
Europäische Kommission / Eurydice (2001): Der Fremdsprachenunterricht an den Schulen in Europa. Bruxelles.
Europarat (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin: Langenscheidt.
Heyder, Karoline/Schädlich, Birgit (2014): “Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität – eine Umfrage unter Fremdsprachenlehrkräften in Niedersachsen”, in: Zeitschrift für interkulturellen Fremdsprachenunterricht 19/1, 183-201.

Beitrag von: Claudia Schlaak

Redaktion: Christoph Behrens