In der europäischen Frühen Neuzeit stellt der Körper ein zentrales Wahrnehmungsmuster zur Erfassung und Deutung der Welt dar. Der Körper ist die Folie, auf der die politischen, konfessionellen und sozialen Umwälzungen der Frühen Neuzeit manifest werden, so dass er zugleich Symptom und Symbol der kulturellen Dynamiken ist: Sinnlich-idealisierende Körperdarstellungen in der Renaissance stehen dabei in Opposition zu vermehrten Repräsentationen leidender Körper, wie insbesondere im Kontext von Martyrologien. Auch der alternde und kranke Körper, der die Spuren der zerstörerischen Wirkung der Zeit trägt, erfährt eine ganz neue Bedeutung in fiktionalen Texten, Traktaten und auch wissenschaftlichen Abhandlungen. Körperdarstellungen in Bildender Kunst und Literatur spiegeln Wandel und Wechsel, aber auch Unsicherheiten und Instabilitäten wider.

Die verstärkte Thematisierung des Körpers steht dabei nicht zuletzt im Zusammenhang mit der querelle des sexes bzw. querelle des femmes, die von Italien und Frankreich ausgehend in der mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Moralistik geführt wurde, sich bald in ganz Europa verbreitete und im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Unter dem Einfluss der patriarchalischen Bibeltradition der Kirchenväter gehen die fast ausnahmslos männlichen Autoren – von Jean de Meun über Juan Luis Vives bis Montaigne – von einer Wesensdifferenz von Männern und Frauen aus und postulieren eine biologisch-essentialistische Überlegenheit des männlichen Geschlechts, die in der konsequenten Fortführung dieses Denkens notwendigerweise zur gesellschaftlichen Unterwerfung der Frau führt. Die Frau und ihr Körper werden als moralisch und körperlich schwache Mängelwesen konstruiert, die der Verfügungsmacht des Mannes als Inbegriff des Menschen (frz.: homme, it.: uomo, sp.: hombre = Mann und Mensch) quasi bedürfen.

Wo die männerdominierte Gesellschaft auf dieser ‚theoretischen‘ Basis Fakten schafft, etwa indem Väter ihre Töchter entsprechend ökonomischer Motivationen (zwangs-)verheiraten oder sie ins Kloster geben, finden sich in der vielstimmigen Literatur der Frühen Neuzeit nicht nur zahllose Beispiele literarischer Festschreibung und Perpetuierung männlicher Verfügungsgewalt über den weiblichen Körper, sondern es werden zugleich auch Spielräume ausgelotet, in denen die normgebende Sicht auf den weiblichen Körper und seine Verfügbarkeit keineswegs fraglos hingenommen wird. In dieser Hinsicht sind es die selbstbewussten Stimmen von Autorinnen aus der Romania, die das männliche Dominanzmonopol kritisch beleuchten – man denke etwa an Christine de Pizan, Moderata Fonte oder María de Zayas.

Der weibliche Körper, seine Verfügbarkeit und seine Modellierung in der Literatur der Frühen Neuzeit in der Romania sollen im Mittelpunkt eines Dossiers stehen, das bei der Zeitschrift HeLix. Dossiers zur romanischen Literaturwissenschaft erscheinen wird. Frühneuzeitliche Texte von Autorinnen und Autoren aller Gattungen sollen dabei auf die Dominanz- und Machtfrage beleuchtet werden, hat doch die Beschäftigung mit dem weiblichen Körper nicht nur mit wechselnden ästhetischen Präferenzen und Prinzipien zu tun, sondern auch und vor allem mit Machtstrukturen. Natürlich bildet auch in soziokultureller Hinsicht der Umgang mit dem Körper Machtverhältnisse ab – so beispielsweise die von Foucault dargestellte Demonstration der Macht des Souveräns durch Folter und Körperstrafen. Das Dossier nimmt jedoch die Inszenierung und Funktionalisierung des weiblichen Körpers im größeren Redefreiheit versprechenden Raum der Literatur in den Blick. Dabei ist nicht die Geschlechtlichkeit des Körpers per se zentral, wie Laqueur es in seinem one sex model für die europäische Kultur bis zum 18. Jahrhundert gefasst hat. Vielmehr soll von der Konstruktion einer doppelten Alterität des weiblichen Körpers ausgegangen werden – sowohl durch das biologische Geschlecht als auch durch weitere, beispielsweise soziale, ethnische, krankheitsbedingte Andersartigkeit der phänotypischen Körperlichkeit –, die schließlich die Marginalisierung der Frau und ihres Körpers bedingt.

Vielfältige Formen und Spielarten der Verfügungsmacht über den weiblichen Körper lassen sich in den romanischen Literaturen der Frühen Neuzeit ausmachen: Der petrarkistische Blick auf den Frauenkörper stellt diesen beispielsweise in den Dienst einer, wenn auch positiv intentionierten, ‚Zerstückelung‘ oder ‚Fragmentarisierung‘. Mystikerinnen entledigen sich ihrer leiblichen Körperhülle temporär, um in der unio mystica einen Zustand geistiger, leibloser Entrückung zu durchleben. Barockautoren zeichnen in ihren Texten Bilder grotesker oder deformierter Körper oder setzen den Frauenkörper gleich als Karikatur in Szene. Körperbezogene soziale Praktiken differenzieren sich geschlechterbezogen aus: Im sakralen Bereich ist hier die Corpus Christi-Tradition, in der profan-laikalen Kultur sind die genderbezogenen divertissements der höfischen Gesellschaft – das männlich besetzte Reiten, Jagen und das jeu de paume, das weiblich besetzte Singen, Tanzen und Sticken – anzuführen. Ebenso werden außergewöhnliche Frauenkörper sichtbar: Man denke etwa an die ‚Hof- und Kammerzwerginnen‘ im Umfeld von Fürstenhöfen, an das Phänomen der mujer barbuda oder an die in Männerkleidern agierende Frau. Auch die gemeinhin marginalisierte Frau und ihr Körper – die Kranke, die Alte, die Prostituierte, die Farbige, die Indianerin etc. – gewinnen in den Künsten an Präsenz.

Anschließend an diese vielzähligen Modellierungen des weiblichen Körpers und seiner Verfügbarkeit können in den Beiträgen des Dossiers folgende Dimensionen in den Blick geraten:

  • Wer hat die Verfügungs- und Deutungsmacht über den weiblichen Körper?
  • Welche Intentionen und Mechanismen stecken hinter der Verfügbarmachung?
  • Wie gestalten sich die ideologischen Begründungen aus?
  • Inwiefern unterscheiden sich die Darstellungsweisen, die Autorinnen und Autoren für das Schreiben über den weiblichen Körper wählen?
  • Steht hinter der Verfügbarkeit des weiblichen Körpers ein dem Frauenkörper inhärenter oder zugeschriebener (ökonomischer, symbolischer, kultureller, etc.) Wert?
  • Artikuliert sich im selbstermächtigten Schreiben von Frauen eine frühe Form von weiblichem self- oder community-fashioning, oder werden sogar implizit gender-Fragen angeschnitten?
  • Werden zur Aushandlung der körperbezogenen Machtfragen bestimmte Textsorten eingesetzt?
  • Entwirft die Literatur in Gesamtschau eine typisch weibliche Topik?

Um an dem Dossier mitzuwirken, senden Sie Ihren Abstract (auf Deutsch, Englisch oder in einer romanischen Sprache verfasst; 4000-5000 Zeichen inkl. Leerzeichen und Bibliographie) bis zum 4. Januar 2021 an corinna.albert@rub.de, dirk.brunke@rub.de und marina.hertrampf@uni-passau.de. Die Entscheidung über die Annahme wird bis zum 15. Januar 2021 mitgeteilt.

Die finalen Artikel sollen vor dem 30. Juli 2021 eingereicht werden und ebenfalls auf Deutsch, Englisch oder in einer romanischen Sprache verfasst sein; darüber hinaus muss den Beiträgen jeweils ein Abstract (max. 1000 Zeichen) in englischer Sprache vorangestellt werden.

Gez.: Corinna Albert (Ruhr-Universität Bochum), Dirk Brunke (Ruhr-Universität Bochum) und Marina Ortrud Hertrampf (Universität Passau)

Beitrag von: Dirk Brunke

Redaktion: Christoph Behrens