Stadt: Erlangen

Frist: 2019-11-15

Beginn: 2020-02-10

Ende: 2020-02-12

URL: https://www.netzwerk-paragesellschaften.fau.de/

In den politischen und medialen Debatten etwa seit den 1990er Jahren werden unter dem Schlagwort ‚Parallelgesellschaften‘ Fragen gesellschaftlicher Homogenität und Heterogenität kontrovers diskutiert. Diese erwachsen historisch dem Substrat eines funktional differenzier-ten, nationalstaatlichen und demokratischen Systems, stehen im Zeichen von Globalisierung, neoliberalistischen Tendenzen sowie der ‚Digitalen Revolution‘ und kreisen im europäischen Kontext um Phänomene wie Migration (besonders deutlich beispielsweise in Bezug auf die sog. Flüchtlingskrise oder die Proteste in französischen banlieues), um das verstärkte Auf-kommen separatistischer Bewegungen (wie etwa der Brexiteers oder der katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter) beziehungsweise ganz allgemein um Diversität. Dabei wird der Be-griff ‚Parallelgesellschaften‘ meist stigmatisierend und essentialistisch gebraucht.

Entgegen diesem reduktionistischen Gestus weitet die Tagung mithilfe des Konzepts der ‚Paragesellschaften‘ die Perspektive und ermöglicht eine differenzierte Annäherung an die genannten Thematiken: Denn einerseits erlaubt es, diese aus einem interaktionistischen Blick-winkel zu betrachten, indem es das Wechselverhältnis zwischen institutionalisierten und weniger formalisierten Sozialstrukturen fokussiert. Migrantische communities etwa erscheinen so weniger von einer diskursiv konstruierten ‚Mehrheitsgesellschaft‘ isoliert als in komplexe soziokulturelle Austauschprozesse verwoben. Andererseits eröffnet es die Möglichkeit, im Diskurs weniger präsente, jedoch strukturanaloge Phänomene zu betrachten wie etwa gated communities oder Kommunen. Ziel dieser veränderten Zugangsweise ist es, binäre Oppositionen bei der Konzeptualisierung von Gesellschaft zu durchbrechen und Abgrenzungsdiskurse als ambivalente Prozesse sichtbar zu machen, die der Aushandlung sozialer Machtverhältnis-sen dienen. Weiterhin erlaubt das Konzept, den Fokus auf die imaginativen Anteile der Debatten um Gesellschaftlichkeit zu lenken. ‚Paragesellschaft‘ wird verstanden als Diskursfigur, als narratives Konstrukt, das Eindrücke von Einheit und Pluralität, von Kontrollierbarkeit und Komplexität, von Selbstheit und Fremdheit, von Sicherheit und Bedrohung erst herstellt. Die Mechanismen zu ergründen, welche diese Effekte begünstigen, ihre medialen Spezifika auszuloten und die erzählerischen Möglichkeiten zur affirmativen, reflexiven und kritischen Mitgestaltung der bestehenden Vorstellungen zu beleuchten liefert mithin Erkenntnisse über aktuell eingesetzte Performanzen der Selbstverortung als Gesellschaft.

Die Tagung, die im Rahmen des von der DFG geförderten wissenschaftlichen Netzwerks ‘Paragesellschaften. Parallele und alternative Sozialformationen in den Gegenwartskulturen und -literaturen’ abgehalten wird, analysiert Selbst- und Fremddarstellungen von Gruppen, die zwar innerhalb der territorialen, aber außerhalb der politischen, ökonomischen, sozialen, religiösen und/oder kulturellen Ordnung eines Gemeinwesens verortet werden, im Hinblick auf ihre Inszenierungsstrategien, narrativen Konstruktionen und ästhetischen Potenziale. Ausgehend von politikwissenschaftlichen, soziologischen, anthropologischen und religionswissenschaftlichen Forschungen zu den Modi der Vergemeinschaftung, Formen paralleler Sozialität und kollektiven Identitätskonstruktionen erschließt die Tagung einen kultur- und literaturwissenschaftlichen Zugang zum Thema, dem es um die Repräsentation von ‚Paragesellschaften‘ in kulturellen Produktionen, um ihre unterschiedlichen diskursiven Manifestationen und um deren Funktionen geht. Die Beiträge erproben die Tragfähigkeit des Konzepts anhand einzelner oder vergleichender Fallstudien aus interdisziplinärer Perspektive, um es anschließend in der Zusammenschau zu schärfen und für wissenschaftliche Anschlussfragen fruchtbar zu machen.

Es sind Beiträge erwünscht, die sich mit Inszenierungen von ‚Paragesellschaften‘ in den europäischen Gegenwartskulturen befassen und Erkenntnisse zu folgenden Leitfragen liefern:

  • Was macht eine ‚Paragesellschaft‘ in der jeweiligen diskursiven Inszenierung aus? Wie werden ‚Paragesellschaften‘ imaginiert? Welche typologischen Merkmale lassen sich in narrativen Aushandlungsprozessen erkennen?
  • Wie werden ‚Paragesellschaften‘ in verschiedenen Medien, Genres und Diskurs-zusammenhängen dargestellt? Welche ästhetischen Strategien und Inszenierungsfor-men lassen sich in Repräsentationen von ‚Paragesellschaften‘ identifizieren?
  • Welche soziokulturellen Funktionen kommen dem Diskurs über ‚Paragesellschaften‘ zu? Wie variiert der ‚Paragesellschafts‘-Diskurs kulturspezifisch?

Vortragsvorschläge werden bis zum 15.11.2019 an teresa.hiergeist@fau.de, agnes.bidmon@fau.de, simone.broders@fau.de, katharina.gerund@fau.de erbeten.

Beitrag von: Teresa Hiergeist

Redaktion: Christoph Behrens