Stadt: Leipzig

Frist: 2022-12-31

Beginn: 2023-09-24

Ende: 2023-09-27

Org. Romana Radlwimmer und Stephanie Béreiziat-Lang.

Im ‚nackten Leben‘, das seit der griechischen Antike als zoē (die „natürliche“ Tatsache des Lebens) definiert und dabei von bios (der kulturell-politisch geprägten Qualität dieses Lebens) überlagert wird (Aristoteles 2010, Foucault 1994, Agamben 2005), laufen Inszenierung und Beschreibung, Erfahrung und Reflexion auf komplexe Weise ineinander. Doch sind zoē und bios mit Präsenz und Virtualität gleichzusetzen? ‚Nacktes Leben‘ erscheint als undiszipliniert, es passiert an Rändern, ist aber untrennbar an jene Macht gebunden, die es sich einverleibt. Eine solche Kontrollinstanz stellen in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Romania – und den Schauplätzen ihrer Expansion – die Schrift und die Debatten um ihren Status und ihre Ausformungen dar. Bis ins 17. Jahrhundert hinein etwa ist das ‚nackte Leben‘, dessen Akteure als vogelfrei gelten, der Rhetorik und Praxis willkürlicher Verhaftung unterworfen (Agamben 2005). Im Akt des Benennens und Fixierens entfremdet und verdeckt die Schrift Daseinsformen, wogegen sich das ‚nackte Leben‘ – vergeblich? – aufbäumt. Dieser Prozess – und damit die Beziehung zwischen zoē und bios – ist ambivalent: seit Platons Phaedros ist die Schrift ein Medium, das Abwesenheit markiert und Unmittelbarkeit abtötet, gleichzeitig aber das Leben über Distanzen hinweg gegenwärtig macht (Derrida 1967). Im kolonialen Kontext ziehen europäische Schreibnormen gemeinsam mit den neu oktroyierten Regierungsweisen ein und überschreiben die körperliche ‚Erfahrung‘ durch juristische, theologische oder naturphilosophische Diskurse oder poetisch-literarische Muster. So geht der Mechanismus der ‚Vertextung‘ notwendigerweise über das Einzelsubjekt hinaus und eignet sich das Recht an, im abstrahierten textuellen Rahmen über Leben und Tod des sozialen Körpers zu verhandeln. Schrift und Textpraxis können damit als gewaltige ‚biopolitische‘ Maschinerie avant la lettre angesehen werden, die die körperliche Präsenz auf einen anderen Modus der Verfügbarkeit verschiebt: die Zirkulation von Schrift und Geschriebenem. Diese Maschinerie ist gegenwärtig und zugleich phantomgleich (Arendt 1995, Mbembe 2003): „[Le] [d]roit de mort et pouvoir sur la vie […] [est] marqué par le jeu essentiel de la présence et de l’absence, du caché et du manifeste“ (Foucault 1994). Der schriftbasierte „apparatus of bodily production“ sieht grundsätzlich ab von einer „immediate presence […] of […] a biomedical body at a particular historical juncture“ (Haraway 1989). Die textuelle Vereinnahmung des ‚nackten Lebens‘ ersetzt dabei selbst dessen Präsenz mit einer „language of pure force [and] immediate presence“ (Mbembe 2003). Denn obwohl Biopolitik Lebensbedingungen produziert, will sie zuweilen selbst als ‚nacktes Leben‘ erscheinen: „This […] non-presence […] takes on [an] empirical […] dimension“ (Virno 2001). Resistenzen gegen die Schrift verhandeln daher die Kategorien von Präsenz und Virtualisierung neu, etwa indem sie schriftgestützte Praktiken unterlaufen und auf andere als schriftliche Medien rekurrieren. Auch im Text selbst kann eine alternative Zeichenhaftigkeit oder performative Sinngenerierung gegenüber der hegemonialen (Re)produktion von Leben und Tod angelegt sein. Körperliche (eingeritzte oder aufgetragene) ‚Inschriftlichkeit‘ (Béreiziat-Lang/Ott 2019) nimmt an der Schwelle zur Frühen Neuzeit mit der sich wandelnden Textvervielfältigung (eine Maßnahme der ‚Virtualisierung‘?) an Subversivität zu. Im kolonialen Kontext rivalisieren auf sinnliche Präsenz ausgerichtete Zeichen- und Sinnsysteme mit der Textproduktion der Eroberung (Boone/Mignolo 1994).

In diesem Panorama eröffnet die mittelalterliche und frühneuzeitliche Literatur einen unstabilen Ort, der das Sein fiktional überschreibt und in textuelle Parameter ‚einsperrt‘, der aber, in der ästhetisierenden ‚Virtualisierung‘, mögliche Wege abseits von etablierten Denk- oder Schreibmustern und Machtstrukturen unterstreicht. Die körperliche Präsenz mit ihrer ‚materialen‘ Wucht (Bennett/Joyce 2010) – Haut und Haar, Erreger und Bakterien, Erotik, Gewalt und Wahnsinn – wird diskursiv ‚gezähmt‘; sie entfaltet jedoch im Text auch eine scheinbare Unmittelbarkeit (Gumbrecht 2004), die sich gegen das Macht/Textgefüge sperrt. Gehorchen beispielsweise die vaginalen Eingriffe der Celestina – „Esto de los virgos, vnos facía de bexiga e otros curaua de punto. […] [Q]uando vino […] el embaxador francés, tres vezes vendió por virgen vna criada“ [sic] (Rojas 2003) – jenem Kalkül, das organische und soziale Körper reguliert? Gegen welche Vermessungen protestieren die grotesken Leiber Rabelais’, und welches Eigenleben entwickeln sie in ihrer humanistischen Rahmung? Wie handelt Jean de Lérys Histoire d’un voyage en la terre du Brésil die Tupi-Körperlichkeit gegen Zivilisationsversuche aus? Und welche ‚Biopolitik‘ verfolgt La Araucanas Erzähler, der indigene Anwesenheit im narrativen Vorgang auslöscht und sich in die fiktionale Welt mythologisierender Imitatio flüchtet: „¿Todo ha de ser batallas y asperezas, (…) / muertes, destrozos, riñas, crueldades; que al mismo Marte ya pondrían hastío, / agotando un caudal mayor que el mío?“ (Ercilla 2009). Gerade in den Schriften romanischer Expansion des 16. und 17. Jahrhunderts – nach Jáuregui/Solodkov (2020) die größte biopolitische Unternehmung der Frühen Neuzeit – werden Gegenwärtigkeit und gelebte Erfahrung zu topischen Textstrategien der imperialen Schriftpraxis.

Diese Sektion untersucht das ‚nackte Leben‘, seine textuelle Vereinnahmung und Resistenzen gegen die Schrift besonders hinsichtlich dreier Felder:

1) Identifizierung: In welchen Formen erscheint das ‚nackte Leben‘? Welche anatomischen und sozialen Körper, menschlichen, animalischen, lebenden, toten Leibe bevölkern Literatur und Künste? Welche Triebe, Affekte, Potenz, Fortpflanzungen, Viren, Krankheiten, welches Siechen und Sterben generiert das ‚nackte Leben‘? Wo und wann passiert das ‚nackte Leben‘ und welche Ausdrucksformen sind ihm zugeordnet?

2) Beherrschung: Wie wird das ‚nackte Leben‘ gebändigt, klassifiziert und administriert, ‚angezogen‘? Welche Rolle spielen dabei die Schrift und die Praktiken von Handschriftlichkeit, Druck oder Edition? Und umgekehrt, in welchen Momenten gibt sich Schrift selbst als ‚nacktes Leben‘, Virtualität als Präsenz aus?

3) Resistenz: Wo verteidigt sich körperlich-sprachlich-performatorische Unmittelbarkeit gegenüber einer medialen Virtualisierung? Wie trotzen die materielle Substanz und das ephemere Nicht-Speicherbare – von Gesten, Oralität, Bewegung, Tanz oder Gesang – ‚biopolitischen‘ Strukturen der Verschriftlichung? Und inwieweit verändert sich eine ‚Präsentifizierung‘ bei dem sich wandelnden Schrift- und Texthabitus zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit?

Diese drei Felder lassen sich mit folgenden weiterführenden Fragen verknüpfen:

1) Produktion: Ist Präsenz mit Literatur überhaupt kompatibel? Lässt sich literarische Überformung, topische Stilisierung oder Imitatio als ein ‚Effekt‘ (Barthes 2002) der Virtualisierung fassen? In welcher Weise produziert bereits das Beschreiben eine Distanzierung von den ‚nackten‘ Tatsachen und überführt (Er)Leben in den Möglichkeitsraum der Stilisierung? Wo wiederum verschlingt das ‚nackte Leben‘ die Schrift?

2) Subjektivierung/Objektivierung: Modelliert die Subjektposition Widerstand? Lehnt ‚Erfahrung‘ (von Schmerz, Subalternität, etc.) sich effektiv gegen jene Entpersönlichung auf, die Leben und Tod ‚objektiv‘ taxonomiert? Können auto(bio)graphisches Schreiben oder andere mediale Performances als Strategien der ‚Präsentifizierung‘ gelten?

3) Rezeption: Welches rezeptionsästhetische Potential bietet die Aufführung vermeintlicher Unmittelbarkeit? Welche Irritationen oder Identifikationen gehen mit der Vertextlichung (oder Verbildlichung) ‚nackten Lebens‘ einher?

Die Sektion richtet sich an Beiträge, die an romanischen Literaturen und anderen Kunstformen des ca. 12. bis 17. Jahrhunderts das Spannungsverhältnis von ‚biopolitischer‘ Schriftlichkeit und ‚nackter‘ Unmittelbarkeit kritisch ausloten.

Bitte senden Sie Ihre Abstracts (ca. 300 Worte) bis spätestens 31.12.2022 an stephanie.lang@rose.uni-heidelberg.de und an radlwimmer@em.uni-frankfurt.de.

Da wir mit internationalen Gästen rechnen, sind die bevorzugten Vortragssprachen Spanisch und Französisch.

Bibliographie

Agamben, Giorgio (2005): Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vida. Torino: Einaudi.
Arendt, Hannah (1995): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt.
Aristoteles (2010): Politik. Schriften zur Staatstheorie, übersetzt und hg. von Franz Ferdinand Schwarz, Reclam: Stuttgart.
Barthes, Roland (2002): „L’ effet de reel“, in: Ders.: Oeuvres complètes III: 1968-1971, hg. von Eric Marty, Paris: Seuil, S. 25-32.
Bennett, Tony / Joyce, Patrick (2010): „Material Powers. Introduction“, in: Dies. (Hgs.), Material Powers. Cultural Studies, History and the Material Turn, London/New York: Routledge, S. 1-21.
Béreiziat-Lang, Stephanie / Ott, Michael R. (2019): „From Tattoo to Stigma. Writing on Body and Skin“, in: Wagner, Ricarda / Neufeld, Christine / Lieb, Ludger (Hgs.): Writing Beyond Pen and Parchment. Inscribed Objects in Medieval European Literature, Berlin/Boston: De Gruyter, S. 193-207.
Boone Hill, Elizabeth / Mignolo, Walter D. (Hgs.) (1994): Writing Without Words: Alternative Literacies in Mesoamerica and the Andes, Durham/London: Duke University Press.
Derrida, Jacques (1967): De la grammatologie. Paris: Minuit.
Ercilla, Alonso de (2009): La Araucana, hg. von Isaías Lerner. Madrid: Cátedra.
Esposito, Roberto (2002): Immunitas. Protezione e negazione della vita. Torino: Einaudi.
Foucault, Michel (1994): La volonté de savoir. Paris: Gallimard.
Gumbrecht, Hans Ulrich (2004): Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Haraway, Donna (1989): „The Biopolitics of Postmodern Bodies: Constitutions of the Self in Immune System Discourse“, in: differences: A Journal of Feminist Cultural Studies 1/1, S. 3-43.
Jáuregui, Carlos / Solodkow, Davíd (2020): „La utopía biopolítica: Bartolomé de las Casas y la gestión de la vida indígena en el Memorial de remedios para las Indias (1516)“, in: A Contracorriente. Una revista de estudios latinoamericanos 18/1, S. 26-56.
Mbembe, Joseph-Achille (2003): „Necropolitics“, translated by Libby Meintjes, in: Public Culture 15/1, S. 11-40.
Rojas, Fernando de (atrib.) (2003): La Celestina, hg. von Marta Haro, Rafael Beltrán und José Luis Canet, Alicante: Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes, <https://www.cervantesvirtual.com/nd/ark:/59851/bmcxd183> [Zugriff am 29.05.2022].
Virno, Paulo (2001): Grammatica della moltitudine. Per una analisi delle forme di vita contemporanee, Roma: DeriveApprodi.

Beitrag von: Romana Radlwimmer

Redaktion: Robert Hesselbach