Stadt: Saarbrücken

Frist: 2026-01-31

Beginn: 2026-10-08

Ende: 2026-10-10

Die Tagung widmet sich der bisher in der mediävistischen Forschung wenig beachteten Schnittstelle zwischen Erzähler- und Figurenrede in mittelalterlichen Texten. Sie bewegt sich damit im Übergangsbereich zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Angestrebt wird die systematische, sprachübergreifende Aufarbeitung der Redemarkierungen in Texten der Vormoderne (Sprechaktverben, [erweiterte] inquit-Formeln sowie andere Formen der Markierung von verbalem Handeln). Es bieten sich zwei unterschiedliche Schwerpunktsetzungen an:

1. formale Aspekte
Auf der Ebene der Lexik sind die Verben des Sprechens erst ansatzweise erforscht (vgl. Chatton 1953, Hundsnurscher 2003). Corpuslinguistische Untersuchungen könnten zeigen, welches Wortfeld des Sprechens (verba dicendi, evtl. auch verba sentiendi) sprachstufenübergreifend in Einzelsprachen nachweisbar ist, welchen Illokutionsfamilien diese Verben angehören, welche der sprechakt- bzw. illokutionsbezeichnenden Verben im Zusammenhang mit direkter oder indirekter Rede verwendet werden (zuletzt Urscheler 2002), usw. (vgl. für moderne Texte Bourne 2002, Tu 2019, Tu 2024).

Relevant erscheinen auch die Unterschiede in der Verwendung der Tempora dieser Verben (Wechsel vom Präteritum zum Präsens in der inquit-Formel), die Verdopplung von Prädikaten (wie hörte und sprach, antwortete und sprach, sprang auf und sprach, die sich teils zu stereotypen Doppelformen entwickeln), sowie sonstige Kollokationen (intuitiv erwartungsgemäß zeigt ein Blick in die Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank, dass die Kollokation von schrîen und lûte signifikant häufiger ist als von sprechen und lûte; der Einbezug dieser Datenbank oder anderer Corpora ermöglicht aber auch die Entdeckung unerwarteter Kollokationen).

Kaum eingehender untersucht ist die Syntax der (erweiterten) inquit-Formel: Welche Komplemente und Supplemente gibt es, und in welchen topologischen Feldern stehen sie? Wo ist der Beginn der inquit-Formel anzusetzen? Wie unterscheiden sich Prosa- und Verstexte in diesen Bereichen? Welche Signifikanz könnte die Verwendung von inquit-Verben in Reimposition haben? (vgl. Miedema 2023) Auch die Betrachtung der Stellung der inquit-Formel (einleitend, eingeschoben oder nachgestellt; Hundsnurscher 2007, Becker 2009) bzw. des Fehlens der inquit-Formel (v. a. in der Stichomythie, Müller 2007) verdient eine erneute, (sprach-) vergleichende Betrachtung. Zur linguistischen Methodik für die modernen Sprachen in diesem Bereich kann etwa auf Busse 2020, Semino/Short 2004 und Tu 2024 hingewiesen werden.

Bezogen auf die schriftliche Überlieferung wäre die Markierung von Figurenrede zu untersuchen, sowohl auf grafischer Ebene durch Interpunktion (Simmler 2003, Kirchhoff 2017) und andere peritextuelle Elemente (Schultz-Balluff 2021) als auch auf Textebene (z. B. durch adverbiale Bestimmungen wie alsô am Ende der Redeeinleitung oder durch sogenannte starters in der direkten Rede wie Interjektionen, Anreden, etc. (Brandsma 1996).

2. funktionale Aspekte
Gerade mit Blick auf die erweiterten inquit-Formeln zeigt sich ihre Funktion zur Charakterisierung der Figuren (situative oder generelle Art und Weise des Sprechens und des Habitus der Figur, Lenkung der Rezeption des in direkter Rede Gesagten durch die inquit_-Formel). Sie können außerdem der Situierung und Kontextualisierung der Äußerungen dienen, indem sie etwa auf nonverbales Verhalten hinweisen (_kniete hin und sagte …) oder die Redekonstellation und damit die Beziehungen zwischen den Sprechenden explizieren (Denoyelle 2010 unterscheidet cadre situationnel, participatif, thématique und non-verbal; einbezogen werden könnten hier auch Fragen nach gender, Alter oder Stand der Figuren).

Zu erweitern ist darüber hinaus diejenige komparatistische Forschung, die auf Kennzeichen eines eventuellen text-/autorspezifischen Stils der Redemarkierung hingewiesen hat (Hundsnurscher 2007; Becker 2009).

Gefragt werden kann des Weiteren, welche transitorische und verbindende Qualität die inquit-Formel als Schnittstelle zwischen Erzählbericht und Figurenrede hat und inwiefern die hörbare oder sichtbare Redemarkierung durch ihre Gestaltung auch die mediale Gebrauchssituation der Texte spiegelt und Indizien für ihre Rezeption als Vortrags-, Vorlese- oder Lesetexte bietet (Lesbarkeit und Hörbarkeit von Texten unter veränderten Rezeptionsbedingungen? vgl. Unzeitig 2023). Eine besondere Rolle könnte der Vergleich unterschiedlicher textueller und medialer Umarbeitungen eines Stoffes spielen (vom Vers zur Prosa; von einer Sprache in eine andere; von der Handschrift zum Druck, vgl. Voeste 2013).

Wir bitten Sie bis 31. Januar 2026 um ein Exposé im Umfang von maximal zwei Seiten. Besonders erwünscht sind Beiträge, die synchron oder diachron vergleichende Perspektiven einnehmen.

Bitte schicken Sie Ihre Vorschläge an:
Prof. Dr. Nine Miedema (Saarbrücken) Nine.Miedema@mx.uni-saarland.de
Prof. em. Dr. Monika Unzeitig (Greifswald) unzeitig@uni-greifswald.de

Forschungsliteratur (in Auswahl)
Becker, Anja, Poetik der wehselrede. Dialogszenen in der mittelhochdeutschen Epik um 1200, Frankfurt am Main 2009 (Mikrokosmos 79). [speziell Kapitel 2.3.1] Brandsma, Frank, „The Presentation of Direct Discourse in Arthurian Romance: Changing Modes of Performance and Reception“, in: The Medieval Opus. Imitation, Rewriting, and Transmission in the French Tradition. Proceedings of the Symposium held at the Institute for Research in Humanities, October 5–7 1995, the University of Wisconsin-Madison, hg. von Douglas Kelly, Amsterdam u. a. 1996, S. 245–260. Bourne, Julian, „He said, she said. Controlling illocutionary force in the translation of literary dialogue“, in: Target 14.2 (2002), S. 241–261.
Busse, Beatrix, Speech, writing, and thought presentation in 19th-century narrative fiction. A corpus-assisted approach, Oxford/New York 2020.
Chatton, René, Zur Geschichte der romanischen Verben für ‚sprechen‘, ‚sagen‘ und ‚reden‘, Bern 1953 (Romanica Helvetica 44).
Denoyelle, Corinne, Poétique du dialogue médiéval, Rennes 2010. [https://books.openedition.org/pur/40403, 20.10.2025]
Hundsnurscher, Franz, „Sprechen und sagen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Zum Wechsel der Inquit-Formel er sprach / er sagte“, in: Literatur – Geschichte – Literaturgeschichte. Beiträge zur mediävistischen Literaturwissenschaft. Festschrift für Volker Honemann zum 60. Geburtstag, hg. von Nine Miedema und Rudolf Suntrup, Frankfurt a.M. u. a. 2003, S. 31–52.
Hundsnurscher, Franz, „Das literarisch-stilistische Potential der inquit-Formel“, in: Formen und Funktionen von Redeszenen in der mittelhochdeutschen Großepik, hg. von Nine Miedema und Franz Hundsnurscher, Tübingen 2007 (Beiträge zur Dialogforschung 36), S. 103–115.
Kirchhoff, Frank, Von der Virgel zum Komma. Die Entwicklung der Interpunktion im Deutschen, Heidelberg 2017 (Germanistische Bibliothek 61).
Miedema, Nine, „Zum mittelhochdeutschen inquit-Verb sprechen in Reimposition“, in: Reimkulturen des Mittelalters. Bedingungen – Verfahren – Bedeutungen. Reimschrift für Uta Störmer-Caysa, hg. von Claudia Lauer, Mirna Kjorveziroska und Birgit Herbers, Heidelberg 2023, S. 147–165.
Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank. [mhdbdb.sbg.ac.at:8000, 20.10.2025]
Müller, Maria E., „Vers gegen Vers. Stichomythien und verwandte Formen des schnellen Sprecherwechsels in der mittelhochdeutschen Epik“, in: Formen und Funktionen von Redeszenen in der mittelhochdeutschen Großepik, hg. von Nine Miedema und Franz Hundsnurscher, Tübingen 2007 (Beiträge zur Dialogforschung 36), S. 117–137. Rijksbaron, Albert, „On the syntax and pragmatics of inquit formulae in Plato’s narrated dialogues“, in: ders., Form and function of Greek grammar. Linguistic contributions to the study of Greek literature, Leiden 2019, S. 210–222.
Schultz-Balluff, Simone, „Spielarten mittelalterlicher Handschriften. ‚Beiwerk‘ und kommunikativer Sinn in paralleler Überlieferung“, in: editio 35 (2021), S. 34–52. Semino, Elena und Mick Short, Corpus stylistics. Speech, writing and thought presentation in a corpus of English writing, London/New York 2004.
Simmler, Franz, „Geschichte der Interpunktionssysteme im Deutschen“, in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, hg. von Werner Besch, 3. Teilband, 2. völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/New York 2003 (HSK 2.3), S. 2472–2504.
Tu, Ngoc Duyen Tanja, „Was für Enthüllungen! heulte die wohlgekleidete respektable Menge. Eine korpuslinguistische Untersuchung zur lexikalischen Vielfalt von Redeeinleitern“, in: Rede- und Gedankenwiedergabe in narrativen Strukturen – Ambiguitäten und Varianz, hg. von Stefan Engelberg, Christian Fortmann und Irene Rapp, Hamburg 2019 (Linguistische Berichte, Sonderheft 27), S. 13–53.
Tu, Ngoc Duyen Tanja, Eine korpuslinguistische Untersuchung zur lexikalischen Vielfalt von direkten und indirekten Redeeinleitern_, Mannheim 2024.
Unzeitig, Monika, „Prosaroman und Figurenrede. Zu den Redeszenen in der Mort le Roi Artu und im Tod des König Artus“, in: L_iteraturwissenschaftliches Jahrbuch, im Auftrage der Görres-Gesellschaft herausgegeben
, NF 8 (2016), S. 113–136.
Unzeitig, Monika, „Repetitives Sprechen im Prosatristrant: Muster und Funktionen“, in: Wiederholung und Variation im Gespräch des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, hg. von Nikola Roßbach und Angela Schrott, Berlin/Boston 2023 (Historische Dialogforschung Bd. 6), S. 65–81.
Urscheler, Andreas, Kommunikation in Wolframs ‚Parzival‘. Eine Untersuchung zu Form und Funktion der Dialoge, Bern 2002 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700 38). [speziell Kapitel 1.5]
Voeste, Anja, „Den Leser im Blick. Die Professionalisierung des Setzerhandwerks im 16. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf die Orthographie der Druckausgaben der ‚Melusine‘“, in: Zeichensprachen des literarischen Buchs in der frühen Neuzeit. Die ‚Melusine‘ des Thüring von Ringoltingen, hg. von Ursula Rautenberg u. a., Berlin/Boston 2013, S. 141–162.
Witetschek, Stephan, „Wer spricht? Die Redeeinleitungen im Thomasevangelium“, in: New Testament Studies. An International Journal 68 (2022), S. 294–309.

Beitrag von: Larissa Werle

Redaktion: Ursula Winter