Stadt: Frankfurt am Main

Frist: 2026-01-28

Beginn: 2026-01-28

Ende: 2026-01-29

Freistätte #8: Reparatives Lesen (Instituts-Workshop der Frankfurter AVL)

Der Begriff „reparatives Lesen“ wurde geprägt durch Eve Kosofsky Sedgwicks viel zitierten (und eher wenig gelesenen) Essay „Paranoid Reading and Reparative Reading, or, You’re So Paranoid, You Probably Think This Introduction is About You“ aus dem Jahr 1997 (wiederveröffentlicht in Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity (2003)). Sedgwick arbeitet sich in diesem Essay vor allem an einer „paranoiden“ Leseeinstellung ab, einer „Hermeneutik des Verdachts“ (Paul Ricoeur), die sie in der kritischen Theorie, der sie sich selbst durchaus zurechnet, angelegt sieht: ein systematisches Lesen, beruhend auf einer „starken Theorie“, die geeignet ist, verborgene Machtstrukturen freizulegen. Der Nachteil einer solchen „starken Theorie“ liege indessen darin, dass sie – antizipatorisch und retroaktiv um sich greifend – sich gegen die Überraschung, den Zufall abdichte und damit keine Öffnung auf andere Möglichkeiten von Deutung und/oder Wirklichkeitsentwürfen zulasse. Dadurch laufe die Kritik Gefahr, in einer tendenziell kulturpessimistischen und zynischen Einstellung zu versteinern, in der sie um sich herum lediglich die Bestätigung ihrer schlimmsten Prognosen findet.

Die Vertreter der sogenannten „Postkritik“ (neben Sedgwick wären etwa zu nennen Bruno Latour, Donna Haraway u.a.) haben diesen misstrauischen, (selbst-)zerstörerischen Zug von „Kritik“ zum Ausgangspunkt anderer Lese- und Deutungsgesten gemacht: Die Überlegenheitshaltung der Theorie gegenüber ihrem Gegenstand wird aufgegeben, Begriffe werden entschärft und erfahren erneuten Spielraum, in dem die sinnliche und semantische Überfülle manifest wird; aus der Not, aus der Enge heraus wird ein situatives Denken und Deuten entwickelt, das Öffnungen und Ausgänge auf eine andere Zukunft sucht.

„To read from a reparative position is to surrender the knowing“, schreibt Sedgwick. Das Verlassen der paranoiden Position kann sich anfühlen, als würde einem der feste Boden unter den Füßen weggerissen. Genau dies kann aber auch den Weg für die Ankunft von einem radikal Neuen, dem Unverhofften frei machen. Das verbindet das reparative Lesen mit der Hoffnung:

„Hope, often a fracturing, even a traumatic thing to experience, is among the energies by which the reparatively positioned reader tries to organize the fragments and part-objects she encounters or create. Because the reader has room to realize that the future may be different from the present, it is also possible for her to entertain such profoundly painful, profoundly relieving, ethically crucial possibilities as that the past, in turn, could have happened differently from the way it actually did.“ (Sedgwick, „Paranoid and Reparative Reading“, S. 146)

Der Workshop sieht sowohl eine engere Auseinandersetzung mit Eve Kosofsky Sedgwicks Essay vor als auch die Präsentation und Diskussion von Forschungen, die am Fachbereich 10 im Entstehen sind und die sich im weiteren Sinne (post)kritisch situieren und/oder Reparation kritisch reflektieren und/oder die Philologien auf eine Ethik der Reparation verpflichten.

Organisiert von Judith Kasper und Anna Iakovets
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ,
Goethe-Universität Frankfurt a .M.

Programm des Workshops:

Mittwoch, 28. Januar 2026
IG 1.418

18-20h Christiane Solte-Gresser (Universität des Saarlandes, KHK Kulturelle Praktiken der Reparation):
Reparatives Erzählen. Wie die Geschichte weitergeht (Keynote-Vortrag)

Donnerstag, 29. Januar 2026
IG 1.418

14h – 14h15 Judith Kasper / Anna Iakovets, Einführung
14h15 – 15h Heidi Liedke, Queer Cultures of Reparation 30 Years after Sedgwick: Hoping through Dissent
15h – 15h45 Julia Schade, »Rehearsals of losing ground«: Positionen der Desorientierung und ozeanische Strategien des Loslassens
16h – 16h45 Marilia Jöhnk, Reparatives Schreiben bei Gloria Anzaldúa
16h45 – 17h30 Magda Majewska, Reading as Acknowledgment
17h45 – 18h30 Anna Iakovets, Zärtlichkeit bei Georges Perec
18h30 – 19h15 Judith Kasper, Alfred Sohn-Rethels »Glücksarsenal des Kaputten«

Beitrag von: Anna Iakovets

Redaktion: Robert Hesselbach