Stadt: Berlin, Centre Marc Bloch

Beginn: 2026-04-16

Ende: 2026-04-17

URL: https://www.kuwi.europa-uni.de/de/professuren-mitarbeitende/westeurop-literaturen/_dateien/tagung-doppelmaster.pdf

Internationale Tagung und Promovierenden-Workshop im Rahmen des deutsch-französischen Doppelmasters »Philosophie und Kulturwissenschaften« zwischen der Europa-Universität Viadrina und der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne

16. -17. April 2026, Centre Marc Bloch, Friedrichstr. 191, Berlin-Mitte

Kaum ein Begriff ist umkämpfter und lässt sich weniger auf einen Nenner bringen als der des Materialismus. Er besitzt viele Bedeutungsdimensionen, ist mit revolutionären Forderungen verknüpft und umfasst weit zurückreichende philosophiegeschichtliche Traditionen, denen ›ver-rückte‹ und bedeutsame Begriffe entsprungen sind, wie das epikureische Konzept der abweichenden Atombewegung (clinamen) oder die Begriffe des »Mehrwerts« und der »gespenstigen Gegenständlichkeit« des Werts bei Marx.

Zumindest zwei Problematiken sind im Feld des materialistischen Denkens grundlegend: Ohne Anerkennung der stofflichen Welt und ohne Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und Herrschaftslogiken gesellschaftlicher Verhältnisse gibt es keinen Materialismus – weder einen Materialismus der Materie noch einen Materialismus der Verhältnisse und Re/Produk- tionsweisen. Nach Kräften, Praktiken und Relationen zu fragen, bildet einen der Schnittpunkte zwischen diesen beiden Linien materialistischen Denkens.

In den letzten Jahrhunderten galt in der Philosophie der Gegensatz zwischen Idealismus und Materialismus. Während der Idealismus glaubte, Ideen bewahrten oder veränderten das Wesen der Welt, sagte der Historische Materialismus: »Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.« Doch ist die kategorische Trennung zwischen Stoff und Form, Körper und Geist, Materialismus und Idealismus nicht ihrerseits idealistisch? Muss der Materialismus nicht mehr und anderes sein als die Umkehrung des Idealismus? Welche Zukunft hat also der Begriff des Materialismus in seinen unterschiedlichen Spielarten und Programmatiken?

Was den Historischen Materialismus anbelangt, hat er unzählige Manifeste und Erklärungen zur Beantwortung dieser Frage hervorgebracht – einige von ihnen in doktrinärer und idealisierender Perspektive. Postmarxistische Autor:innen haben die Grenzen eines erstarrten oder orthodoxen Materialismus zu überwinden versucht, etwa den Eurozentrismus und den Dualismus zwischen Natur und Kultur, die Totalisierung der Geschichte und das fortschrittstheoretische Zeitbewusstsein, die Vernachlässigung feministischer oder antirassistischer Perspektiven, aber auch die Missachtung nicht-menschlicher Aktanten.

Mit dem Material Turn hat die Frage nach der Materialität in den letzten Jahrzehnten eine enorme kulturwissenschaftliche und philosophische Aufwertung erfahren, vor allem im Neo-Materialismus. Die Berücksichtigung an/organischer Materialität beruht auf der Idee, dass Materie weder eine ›träge‹ noch ›tote Masse‹ bildet, sondern über eine eigene Wirkmächtigkeit verfügt. Wie verändert dies kulturelle und soziale Praktiken? Wie wirkt es sich auf ontologische
oder affekttheoretische Modelle aus?

Die Tagung wird historische und aktuelle Spielarten heterogener Materialismen aufgreifen. Sie leistet zugleich eine Bestandsaufnahme für den seit sechs Jahren existierenden deutsch-französischen Doppelmaster »Philosophie und Kulturwissenschaften«, der an der Europa-Universität Viadrina und der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne angeboten wird. Keynote-Speaker sind Judith Revel und Sergio Bologna. Die öffentlichen Vorträge werden von
Lehrenden beider Partner-Universitäten gehalten. Ein begleitender Promovierenden-Workshop gibt Einblick in aktuelle Projekte wissenschaftlicher Forschung und Qualifizierung.

Beitrag von: Norah El Gammal

Redaktion: Robert Hesselbach