[CALL FOR PAPERS]

Sammelband: Dörfer Europas. Provinzialität im Spiegel europäischer Gegenwartsliteraturen

Herausgeberinnen: Julia Leitherer und Lea Lotterer (beide Kassel/Venedig)
Verlag: transcript
Veröffentlichungsdatum: Anfang/Mitte 2027
Frist für Abstracts: 31. Mai 2026

Die Provinz hat trotz rückständigem Image Konjunktur – weiterhin ist das Dorf einer der beliebtesten Schauplätze und dezidiertes Thema der Gegenwartsliteratur (vgl. Seel 2023: 18). In einer Welt, die immer komplexer und anonymer wird und in der sich zusehends ein Gefühl der Entfremdung einstellt, gewinnen in europäischen Literaturen ländlich konnotierte Begriffe wie Heimat, Idylle und Dorf wieder größeres Gewicht und fungieren als „Projektionsfläche urbaner Sehnsüchte“ (Marszałek 2018: 10). Gleichzeitig ist der moderne Mensch immer stärker in die sich öffnende europäische, gar globale Gesellschaft eingebunden und ohne diese kaum noch zu denken. Dies ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn in der Forschung wird immer wieder festgestellt, dass „[g]erade diese scheinbar provinzielle Erzählform […] in ganz besonderem Maße durch Welthaltigkeit“ (Twellmann 2019: 8) geprägt ist, sich also das Große gerade im Kleinen gut erzählen lässt. Das Dorf gilt als literarisch gut darstellbarer Mikrokosmos, an dem sich die zeitgeschichtlichen, gesellschaftspolitischen Themen und Probleme größeren Maßstabs wie unter einem Vergrößerungsglas betrachten lassen (vgl. etwa Stockinger 2020: 298).

An diesen Gedanken lässt sich der auch in der Literaturwissenschaft immer gebräuchlicher werdende Begriff der ‚Glokalisierung‘ anschließen, demzufolge „das Lokale erst als Lokales seine Kontur [gewinnt], wenn es durch umfassendere, übergeordnete – (…) globale – Strukturen herausgefordert wird.“ (Haensler/Heine/Zanetti 2022: 14) Und auch umgekehrt lassen sich diesem Konzept zufolge globale Prozesse nur verstehen, wenn sowohl deren Voraussetzungen als auch Folgen auf lokaler Ebene mitbedacht werden (vgl. ebd.). Außer der globalen lassen sich aber auch andere übergeordnete Strukturen denken, die sich im Lokalen, Provinziellen widerspiegeln können. So überträgt etwa Robert Menasse die lokale Ebene, wenn auch nicht aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, auf die europäische Idee, die er als ein „Europa der Regionen“ (Menasse 2014: 78) versteht. Er benennt die Region als „Herzwurzel der Identität“ (ebd.: 80), die viel größeren Gestaltungsspielraum sowie Projektionsfläche biete als etwa ein Nationalstaat.

Den Konnex von lokalen und „übergeordneten“ Strukturen in der Literatur lohnt es sich also näher zu untersuchen. Als übergeordnete Größe soll der Sammelband Europa in den Blick fassen, indem europäische Provinzliteratur betrachtet wird. In Zeiten, in denen Europa und der europäische Zusammenhalt immer wichtiger werden und sich gleichzeitig vermehrt europäische literarische Verhandlungen von Provinzialität nachweisen lassen, wollen wir diese beiden Phänomene zusammenbringen und das literarische Panorama europäischer Dörfer analysieren, um so die übergreifenden „großen Themen“ unserer Zeit herauszuarbeiten und einen vergleichenden Blick auf europäische Verständnisse von Provinzialität zu werfen.
Hier lassen sich allgemeine Leitfragen formulieren wie: Wie lässt sich das Phänomen Dorfliteratur aus gesamteuropäischer Perspektive greifen? Gibt es so etwas wie ein ‚europäisches Dorf‘?

Welche Relevanz hat Provinzialität in einer globalen Welt unter dem Aspekt der europäischen Idee? Welche (thematischen, darstellerischen) Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen Dörfern in unterschiedlichen europäischen Ländern und kulturellen Kreisen beobachten? Wie sind die Querverbindungen, wie werden provinzielle Topografien aus ausländischem Blickwinkel wahrgenommen und literarisch verarbeitet?
Darüber hinaus interessiert uns der Europa-Gedanke selbst. Was macht die (individuelle und kollektive) europäische Identität aus und wie lässt sich das an jeweiligen (literarischen) provinziellen Mikrokosmen ablesen? Spiegeln sich europäische Themen selbst im Dorf, und wenn ja, wie? Inwiefern konstituiert sich Europa insbesondere aus Regionen?

Genauso lässt sich umgekehrt fragen: Zersplittert Europa in Regionen? Der Fokus auf lokale Strukturen erhält durch aktuelle nationalistische Tendenzen in vielen europäischen Ländern eine zusätzliche brisante Akzentuierung, der sich nachzugehen lohnt. Hier lassen sich z.B. die Vereinbarkeit von Regionalität und Europa sowie die Frage, ob eine Hinwendung zum Lokalen den übergeordneten, hier: europäischen Zusammenhang in Frage stellt, kontrovers diskutieren.
Wir erhoffen uns eine möglichst vielfältige Bandbreite an gegenwärtigen europäischen Verhandlungen von Provinzialität literarischer oder auch anderer medialer Art. Ziel ist es, die Provinzialität verschiedener Nationen vergleichbar zu machen.

Die Publikation schließt sich an einen im Februar 2026 stattgefundenen Workshop in Kassel an. Für den Sammelband wünschen wir uns ergänzend weitere Analysen aus den anglistischen, baltischen, luxemburgischen, niederländischen, romanistischen, slawistischen und (süd-)osteuropäischen Philologien.
Zeitlich sollen sich die Beiträge auf europäische „Dorfliteratur“ ab dem Jahr 2000 konzentrieren.

Mögliche Beitragsthemen (offene Liste):

  • literaturwissenschaftliche, gerne auch interdisziplinär angelegte Beiträge aus den oben genannten europäischen Philologien, die Provinzialität und Dörflichkeit verhandeln
  • komparatistische/vergleichende Ansätze, die verschiedene europäische Literaturen zusammendenken
  • wechselseitige Betrachtungen (Blicke auf ausländische provinzielle Topografien aus Perspektive einzelner Nationalliteraturen)
  • vielfältige thematische Ausrichtungen: politische Themen wie Rechtsruck, Nationalismus, Klimakrise, Verhandlung von Europa(-themen) in Provinzliteratur, Glokalisierung usw.
  • Europa außerhalb Europas: europäische Strukturen in z.B. Dörfern mit kolonialer Vergangenheit
  • verschiedene (kulturwissenschaftliche) Ansätze wie Ecocriticism, Raumtheorie, Gender Studies, Postcolonial Studies, Food Studies, (post-)migrantische Ansätze in ihrer Anwendung auf literarische Provinzialität
  • auch medienwissenschaftliche sowie diachrone Vergleichsstudien sind denkbar

Wir freuen uns auf Themenvorschläge in Form von Abstracts (ca. 500 Wörter) plus kurze biografische Angaben bis 31. Mai 2026 an untenstehende Adressen.

Die Abgabefrist der fertigen Beiträge ist der 15. September 2026; die Publikation wird für Anfang/Mitte 2027 anvisiert.

Kontakt: julia.leitherer@uni-kassel.de // lea.lotterer@uni-kassel.de

Literaturliste:

Haensler, Philippe P.; Heine, Stefanie; Zanetti, Sandro: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Literarische Glokalisierung (= Colloquium Helveticum 51). Bielefeld: Aisthesis 2022. S. 13–21.

Marszałek, Magdalena: Einleitung. Das Dorf und die Idylle. In: Yaraslava Ananka, Magdalena Marszałek (Hrsg.): Potemkinsche Dörfer der Idylle. Imaginationen und Imitationen des Ruralen in den europäischen Literaturen. Bielefeld: transcript 2018 (= Rurale Topografien 5). S. 7–17.

Menasse, Robert: Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa. Berlin: Suhrkamp 2014.

Seel, Henri J.: Der Gang aufs Land. Eine Poetologie des Wissens über rurale Räume in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bielefeld: transcript 2023 (= Rurale Topografien 19).

Stockinger, Claudia: Provinz erzählen. Zur Einleitung. In: Zeitschrift für Germanistik 30 (2020). Heft 2: Schwerpunkt: Provinz erzählen. S. 295–305.

Twellmann, Marcus: Dorfgeschichten. Wie die Welt zur Literatur kommt. Göttingen: Wallstein 2019.


english version

Edited Volume: Villages of Europe: Provincialism as Reflected in Contemporary European Literature

Editors: Julia Leitherer and Lea Lotterer (both Kassel/Venice)
Publisher: transcript Verlag
Publication Date: early to mid-2027
Deadline for Abstracts: May 31, 2026

Despite its outdated image, the countryside is thriving—the village remains one of the most popular settings and a central theme in contemporary literature (see Seel 2023: 18). In a world that is becoming increasingly complex and anonymous, and in which a sense of alienation is becoming increasingly apparent, terms with rural connotations such as homeland, idyll, and village are regaining greater significance in European literatures, serving as a “projection screen for urban longings” (Marszałek 2018: 10). At the same time, modern people are increasingly integrated into an opening European, even global, society and can hardly be conceived of without it. This is only an apparent contradiction, for research repeatedly finds that “precisely this seemingly provincial narrative form is characterized to a very special degree by universality” (Twellmann 2019: 8), meaning that the big picture can be told well precisely through the small. The village is regarded as a microcosm that lends itself well to literary depiction, in which contemporary historical and sociopolitical themes and problems on a larger scale can be viewed as if under a magnifying glass (see, for example, Stockinger 2020: 298).

This idea ties in with the concept of “glocalization,” which is becoming increasingly common in literary studies as well; according to this concept, “the local only takes shape as such when it is challenged by broader, overarching—(…) global—structures.” (Haensler/Heine/Zanetti 2022: 14) Conversely, according to this concept, global processes can only be understood if both their prerequisites and consequences are considered at the local level (ibid.). In addition to the global, however, other overarching structures can also be conceived that may be reflected in the local, the provincial. For example, Robert Menasse applies the local level—albeit not from a literary perspective—to the European idea, which he understands as a “Europe of the regions” (Menasse 2014: 78). He describes the region as the “heart and soul of identity” (ibid.: 80), which offers much greater scope for shaping and a broader canvas for projection than, say, a nation-state.

It is therefore worth examining more closely the connection between local and “overarching” structures in literature. As an overarching framework, this edited volume aims to explore Europe by examining European provincial literature. In an era when Europe and European cohesion are becoming increasingly important, and at the same time there is growing evidence of European literary explorations of provinciality, we aim to bring these two phenomena together and analyze the literary landscape of European villages. In doing so, we seek to identify the overarching “major themes” of our time and offer a comparative perspective on European understandings of provinciality.
Here, we can formulate general guiding questions such as: How can the phenomenon of village literature be understood from a pan-European perspective? Is there such a thing as a “European village”?

What relevance does provincialism have in a globalized world from the perspective of the European idea? What differences (thematic, representational) and similarities can be observed between villages in different European countries and cultural circles? What are the connections, and how are provincial landscapes perceived and portrayed in literature from a foreign perspective?
Furthermore, we are interested in the very idea of Europe itself. What defines European identity—both individual and collective—and how can this be discerned in various (literary) provincial microcosms? Do European themes find expression even in a village, and if so, how? To what extent is Europe constituted, in particular, by its regions?

Conversely, one might ask: Is Europe fragmenting into regions? Current nationalist tendencies in many European countries are giving the focus on local structures an additional, explosive dimension that is worth exploring. Here, for example, the compatibility of regionalism and Europe, as well as the question of whether a shift toward the local calls into question the overarching—in this case, European—context, can be the subject of heated debate.
We hope to cover as wide a range as possible of current European discussions on provincialism in literature and other media. The goal is to enable a comparative analysis of provincialism across different nations.

This publication follows a workshop held in Kassel in February 2026. For this edited volume, we are seeking additional analyses from the fields of English, Baltic, Luxembourgish, Dutch, Romance, Slavic, and (South) Eastern European philology.

The contributions should focus on European “village literature” from the year 2000 onward.

Possible article topics (open list):

  • Literary studies contributions—preferably interdisciplinary—from the aforementioned European philological disciplines that address provincialism and rural life
  • Comparative approaches that bring together various European literatures
  • Reciprocal perspectives (views of foreign provincial topographies from the perspective of individual national literatures)
  • Diverse thematic focuses: political topics such as the shift to the right, nationalism, the climate crisis, the treatment of Europe (and European themes) in provincial literature, glocalization, etc.
  • Europe outside of Europe: European structures in, for example, villages with a colonial past
  • various (cultural studies) approaches such as ecocriticism, spatial theory, gender studies, postcolonial studies, food studies, and (post-)migrant approaches as applied to literary provinciality
  • media studies and diachronic comparative studies are also conceivable

We look forward to receiving topic suggestions in the form of abstracts (approx. 500 words) plus short biographical information by May 31, 2026 to the addresses below.

The deadline for submitting completed manuscripts is September 15, 2026; publication is scheduled for early to mid-2027.

Contact Information: julia.leitherer@uni-kassel.de // lea.lotterer@uni-kassel.de

Bibliography:

Haensler, Philippe P.; Heine, Stefanie; Zanetti, Sandro: Einleitung. In P. P. Haensler, S. Heine & S. Zanetti (Eds.): Literarische Glokalisierung (= Colloquium Helveticum 51). Bielefeld: Aisthesis 2022, pp 13–21.

Marszałek, Magdalena: Einleitung. Das Dorf und die Idylle. In Yaraslava Ananka, Magdalena Marszałek (Eds.): Potemkinsche Dörfer der Idylle. Imaginationen und Imitationen des Ruralen in den europäischen Literaturen. Bielefeld: transcript 2018 (= Rurale Topografien 5), pp 7–17.

Menasse, Robert: Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa. Berlin: Suhrkamp 2014.

Seel, Henri J.: Der Gang aufs Land. Eine Poetologie des Wissens über rurale Räume in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bielefeld: transcript 2023 (= Rurale Topografien 19).

Stockinger, Claudia: Provinz erzählen. Zur Einleitung. In: Zeitschrift für Germanistik 30 (2020). Heft 2: Schwerpunkt: Provinz erzählen, pp 295–305.

Twellmann, Marcus: Dorfgeschichten. Wie die Welt zur Literatur kommt. Göttingen: Wallstein 2019.

Beitrag von: Lea Lotterer

Redaktion: Ursula Winter